Tätigkeit des Pegnesischen Blumenordens im Jahre 1997

 

Im Palisanderzimmer des Grand Hotel kommen am 7. Januar 1997 fünf Mitglieder des Literarischen Beirats zusammen, um über den Text des Irrhainspiels 1997 zu beraten: das Theaterstück "Michelangelo und Lukrezia" unseres Mitgliedes Dr. Alfred Rottler

Zur Erörterung gelangt eine von Dr. Kügel besorgte Kurzfassung, in der Einschränkungen wegen Aufführungsdauer, Spielort und Schauspielerzahl berücksichtigt sind. Nach einer Durchsicht mit Angabe der handlungsmotivierenden Inhalte erklärt sich Herr Dr. Rottler mit der Bearbeitung einverstanden. Zur Besetzung werden Vorschläge gemacht. Frau Lehmann hat in Aussicht gestellt, daß sie die drei oder vier letzten Proben im Irrhain vor der Aufführung leiten würde; Dr. Kügel würde die Leseproben und die Sprechregie vorher in den Räumen, die wieder Herr Reiß zur Verfügung stellt, übernehmen.

Die Veröffentlichung der von Pegnesen ausgewählten Gedichte im "Wochenspiegel" ist angelaufen und hat zu Rückmeldungen von Lesern bis von Erlangen her geführt.

 

Pegnesen lesen Heiteres

Dienstag, 21. Januar 1997, Fürstenhof, Grand Hotel, 19.00 Uhr

Zum Vortrag gelangen Kurzgeschichten von Hans König, Rudolf Dumont du Voitel, Elisabeth Fürst ("Undank ist der Welt Lohn" liest Frau Köstler), Mundartgedichte von Gottlieb Meyer (den unverwüstlichen "Dannheiser" liest Frau Kirschner), sowie Texte humoristischer Art, die nicht von Mitgliedern stammen.

 

Wir beglückwünschen ein Mitglied zu besonderer Ehrung:

Herrn Prof. Hubert Weiler wurde durch Herrn Innenminister Dr. Günter Beckstein das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

 

Der Blumenorden schickt einen Beobachter (Dr. Kügel) am 29. 1. 1997 ins Stadttheater Fürth: Abend des Kulturforums Franken (Schirmherrschaft: Frau MdL Renate Schmidt)

Der Grundgedanke: Künstlerisch und auch ansonsten kulturell Verständige, die selbst über keine Mittel verfügen, die von ihnen für gut gehaltenen Nachwuchskünstler zu unterstützen, geben im Rahmen einer Organisation, die in der Öffentlichkeit Beachtung findet, ihre Gutachten über diese Künstler ab und überreichen ihnen Geldpreise, die ihrerseits von Förderern aus Industrie und Gewerbe zur Verfügung gestellt werden. Diese kommen dadurch auch zu Ansehen und einem gewissen Werbeeffekt.

Im ganzen gesehen, war der Abend eine Marathon-Varieté-Aufführung ohne eigentliche Vorträge (Laudationes ausgenommen) oder Diskussionen, von bunter Zusammenstellung, unterschiedlichem Niveau, aber eine beachtliche Zusammenstellung vieler Talente der Region, auf die man rundumgesehen stolz sein kann.

Der Höhepunkt des Abends war die Vorstellung eines Figurentheaters, das seither in den Räumen des notorischen alten KALI-Kinos eröffnet hat. Ausgezeichnet wurde der Regisseur, eine Spielprobe von sieben Minuten gab der schon früher preisgekrönte Puppenspieler Tristan Vogt.

 

Hauptversammlung: Dienstag, 11. Februar 1997, 19.00 Uhr

Palisanderzimmer, Grand Hotel, Bahnhofstraße 1-3, 90402 Nürnberg

Tagesordnung:

1.Begrüßung und Bericht des Präses, Herrn Dr. von Herford

2.Jahresbericht 1996 des Schriftführers, Herrn Dipl.-Betriebswirt Teschner

3.Kassenbericht des Schatzmeisters, Herrn Direktor Platzer

4.Entlastung des Vorstands

5. Sonstiges

 

Im Palisanderzimmer des Grand Hotels findet am 25. Februar 1997 von 19.00 Uhr bis 20.30 Uhr ein Treffen des Literarischen Beirats statt, zu dem fünf Mitglieder erschienen sind.

Erörtert werden literarische Veranstaltungen des Jahres 1997 im Blumenorden sowie für den Blumenorden in anderer Trägerschaft, die Fortführung der Lyrikspalte im "Wochenspiegel" sowie kulturelle Initiativen unterschiedlicher Abgeordneter.

Dr. Kügel erstattet Bericht über die Künstler-Patenschaften im Rahmen des Kulturforums Franken (Veranstaltung vom 29. 1. 97 in Fürth) und die Veranstaltung der "KulTour 1997" der bayerischen SPD am 17. Februar im Gewerkschaftshaus: Einzelheiten zur elenden Lage freischaffender Künstler und deren Verschärfung durch neue Gesetze und bürokratische Eingriffe; bemerkenswerte Wiederauferstehung des Qualitätsanspruchs; Erkenntnis, daß Parteipolitik weniger denn je in der Lage ist, Abhilfe zu schaffen.

 

Am Donnerstag, den 27. 2. 1997, findet um 19 Uhr in den Räumen unseres Mitgliedes Herrn Reiß, Nürnberg, Lenbachstraße 4 (beim Rathenauplatz) eine Terminabsprache der Beteiligten am Irrhainspiel samt erstem schnellem Lesedurchgang statt. Ein Probenplan wird aufgestellt.

Vom Orden erklärten sich drei Herrschaften zur Übernahme von Rollen bereit, von denen eine Dame später noch absprang; Hinweise aus dem Orden (von Frau Dr. Korten und Herrn Heinemann) und eine zufällige Begegnung mit einer Mitarbeiterin der "Kulturfabrik Roth" halfen auf die Spur von drei weiteren Personen. Die Regie zu übernehmen, erklärte sich dankenswerterweise Frau Lehmann bereit, Gemahlin des Dekans des Fachbereichs "Allgemeinwissenschaften" an der Ohm-Fachhochschule, langjähriges Mitglied des Ordens, die früher mehrmals bei Irrhainspielen mitgewirkt hatte. Eine wesentliche Rolle, nämlich des Cesare Borgia, erklärte sich ein anderer langjähriger Freund des Blumenordens bereit zu übernehmen, und zwar Herr Woitas, der sonst auch immer bei den Hans-Sachs-Spielen in Nürnberg mitwirkt.

Dr. Kügel leitete die ersten vier Leseproben. Dabei traten erwartungsgemäß Probleme mit der Betonung auf, und seine Hoffnung, ein gereimter Text werde sich besser im Gedächtnis behalten lassen als Prosa, wurde von etlichen Mitspielern nicht bestätigt. Außerdem befremdeten einzelne Ausdrücke, die einer herkömmlichen Literatursprache und teilweise einer sehr gehobenen Stilebene angehören oder auch poetische Neubildungen darstellen, unsere Theaterroutiniers anfangs sehr. Zum Glück konnten sie sich auf die Dauer gutwillig darauf einstellen. Dr. Kügel war es wichtig, den Schauspielern und dem Blumenorden überhaupt eine solche Sprache versuchsweise zuzumuten, zur satzungsgemäße Sprachpflege, darum ließ er sich nur an sehr wenigen Stellen auf sprecherische Vereinfachungen ein.

 

Fürstenhof im Grand Hotel, Dienstag, 11. März 1997, 19.00 Uhr: Dr. Christine Korten, Ovid und Mozart, oder: Die scheinbare Leichtigkeit des Seins

Ovid war vor allem wegen seiner Bearbeitung antiker Sagenstoffe unter dem Sammelgesichtspunkt "Metamorphosen" eine beliebte Quelle für viele Dichtungen des Mittelalters und bis auf unsere Zeiten, auch für Opernstoffe. Es ist die Kombinationsfreude, die ihn auch als formales Vorbild für manches an der Eigenart Mozartischer Kompositionen erscheinen läßt. Als Beispiel musikalischer Art dient eine "Anleitung, Contre-Tänze, oder Anglaises, mit 2 Würfeln zu componieren". Näher kommt man einer Leichtigkeit, die beiden Künstlern eigen ist, auch wo sie ernsthafte, ja tragische Themen behandeln, wenn man in Ovids "ars amatoria" die Aussagen über das Liebesbedürfnis der Frauen betrachtet und damit die Frauengestalten und ihre musikalische Charakterisierung in Mozart-Opern vergleicht. Die Doppelbödigkeit der Psychologie, die den Konflikten zwischen Liebe, Ehre, Treue bei Ovid und Mozart anhaftet, wird an einem Textbeispiel aus "Don Giovanni" verdeutlicht, wozu auch Hörbeispiele treten. In weiterem Sinne handelt es sich um einen Konflikt zwischen Monarchie und Ochlokratie, aristotelisch verstanden: Nicht von den politischen Herrschaftsformen allein ist die Rede, sondern von den Bedingungen des Lebens unter ihnen. So bedeutet Ochlokratie die Herrschaft der "Sinnlichkeit" (der von den Sinnen gesteuerten Tätigkeit der Seele) über die Vernunft. (Auch Schiller sah die Ochlokratie sowohl als Herrschaftsform als auch psychologischen Zustand und beschreibt damit Verhältnisse, wie sie heute offenbar noch in höherem Maße zutreffen.) Nur im Gleichgewicht zwischen Rationalität und Sinnlichkeit aber ist ästhetisches Spiel möglich.

 

Fürstenhof im Grand Hotel, Dienstag, 8. April 1997, 19.00 Uhr: Brigadegeneral a. D. Heinz Karst, Deutsche Dichter in der Schweiz

Unablässig hat sich ein Strom deutscher Dichter in die Schweiz gewendet. Die Gründe sind vielfältig, doch sind es vor allem die Tatsache, daß die Schweiz im 30jährigen Krieg verschont blieb, sowie die erhabene Natur des Landes, seine freiheitliche Verfassung und seine Rolle als Hort der Verfolgten. Dazu kommt, daß bei der bekannten Sehnsucht unseres Volkes nach dem Süden die Schweiz das Hauptdurchgangsland gewesen ist (nur Winckelmann reiste immer durch Österreich).

Um 1740 erhob sich ein berühmter literaturwissenschaftlicher Streit zwischen Gottsched auf der einen Seite und den Schweizer Kunstrichtern Bodmer und Breitinger auf der anderen. Auf die Seite der Schweizer, die einen ähnlichen Naturbegriff wie Rousseau hatten und diesen auf die Poetik anwendeten, stellten sich Wieland aus Biberach, der mehrere Jahre als Gast Bodmers in Zürich lebte, sowie der Norddeutsche Klopstock, der ebenfalls zu Besuch kam. Klopstock war auch sehr angetan von dem Gedicht "Die Alpen" des Schweizer Dichters und Arztes Albrecht von Haller. Ein anderer schweizer Dichter, Salomon Geßner, brachte im Zusammenhang mit der Alpenlandschaft mehr den Aspekt der Gesundheit als der Erhabenheit ein. Von da an wandelten viele deutsche Schriftsteller auf diesen Pfaden.

Goethe besuchte die Schweiz erstmals 1775, zusammen mit den Gebrüdern Stolberg, und dann noch mehrmals. Er besuchte dort unter anderem Basedow und Lavater. Hölderlin vermittelte Hegel als Hauslehrer nach Bern und trat selbst eine solche Stelle für drei Monate in Hauptwyl an. Von da an setzte er sich mit dem Thema der schweizer Landschaft auseinander. Heinrich von Kleist wollte zeitweise auf einer Insel im Thuner See Bauer werden eine zeittypische Weise, Rettung aus den Gebrechen der Zeit zu suchen. Georg Büchner wurde kurz vor seinem Tod Anatomieprofessor in Basel. Basel war überhaupt, neben Zürich, das zweite Einfallstor der Deutschen in die Schweiz, auch für Nietzsche und Hesse. Zu nennen wären weiterhin Richard Wagner und Stefan George. Dieser wollte nicht in Deutschland beerdigt werden; er war 1933, kurz vor seinem Tod, in die Schweiz emigriert. Auch Thomas Mann sah sich zur Emigration gezwungen. Sie führte ihn zunächst nach Davos (wo er schon vor dem 1. Weltkrieg die Anregung zu einer Novelle und dem Roman "Zauberberg" erhalten hatte), später nach Kilchberg bei Zürich. Die Reihe der deutschen Dichter und Schriftsteller, die in der Schweiz bestattet sind, wird fortgeführt von Rilke, Hermann Hesse und Golo Mann. Für Hesse war die Schweiz nicht in erster Linie Zufluchtsort, denn er war schon lange vor dem 2. Weltkrieg schweizer Staatsbürger. Ihm war Deutschland zu eng geworden. Man kann ihn als expressionistischen Vertreter des rousseauistischen Naturprogramms ansehen womit sich der Kreis zu den Ereignissen des 18. Jahrhunderts schließt.

 

Sonntag, 27. April 1997: Das jahreszeitgemäße Aufräumen im Irrhain findet wieder in Zusammenarbeit mit den Pfadfindern des Stammes "Silberner Löwe" statt, wobei auch ein angeknickter Baum gefällt und umgestürzte Bäume zerlegt werden. StD Franz Ippisch aus Weiden und Dr. Kügel hatten zuvor an die 20 Tonnen sogenannten "Mineralbeton" auf den Wegen ausgebreitet.

 

Zum 1. Mai werden als Mitglieder aufgenommen:

Herr Dr. Bernhard Brons, Pfarrer von Kraftshof, der die dortige Kirche in Abstimmung mit dem Gemeinderat für so manches kulturelle Ereignis und für Führungen unseres Mitgliedes Dr. Rusam immer gerne offenhielt.

Herr Dr. Klaus Dornisch, der deutsche Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Archäologie studiert hat und längere Zeit Ausgrabungen in Griechenland und der Türkei nachging; er ist Herausgeber der "Nürnberger Blätter zur Archäologie", Fachbereichsleiter für Kulturgeschichte, Archäologie und Bildende Kunst am Nürnberger Bildungszentrum und hat innerhalb mehrerer Veranstaltungsreihen in den Jahren 1993/94 den Irrhain zum Gegenstand genommen.

Herr Dipl.-Inf. Dr.-Ing. Dieter Jäpel, geboren in Nürnberg, wohnhaft am Zürichsee, beruflich tätig am IBM-Forschungslabor, aus Neigung auch Kammermusiker, dem Orden seit Jahren bekannt als Mitwirkender im Streichquartett zur Adventsfeier (Bratsche). Er hat bei der Verdeutschung von internationaler Standard-Fachwörter mitgewirkt; zur Zeit steht für ihn, wie schon zu seiner Studienzeit, das Problem im Mittelpunkt, wie die Verständigung zwischen Rechner und Mensch der Verständigung unter Menschen immer ähnlicher gemacht werden kann.

Herr Heiko Kistner, Buchhandlung Edelmann, der seit Jahren in der verdienstlichsten Weise Leseveranstaltungen mit bedeutenden Autoren des In- und Auslandes organisiert und auch Pegnesen hat zum Zuge kommen lassen. Er hat sich auch für den Vertrieb unserer Festschrift am Bücherstand des Germanischen Nationalmuseums eingesetzt.

Frau Dr. Julia Lehner, Stadträtin, die als studierte Philologin zur Kulturpflege auf sprachlichem Gebiet einige Zuständigkeit beanspruchen kann; sie ist uns von der Adventsfeier 1994 noch wohl in Erinnerung.

 

An Neuerscheinungen von Büchern aus dem Kreis der Ordensmitglieder wird im Frühjahr 1997 bekannt:

Inge Meidinger-Geise, Zeitsand. Lyrik, Spätlese-Verlag, Nürnberg 1997, mit Graphiken von Manfred Hürlimann.

Am 12. 6. 1997 stellte die Autorin das Buch in der Nürnberger Stadtbibliothek (Katharinenkloster) um 19.30 Uhr vor.

Der Kulturreferent der Stadt Nürnberg, Herr Dr. Leipold, hat von Amts wegen und im Zusammenhang mit Veranstaltungen der Mittelfränkischen Kulturwochen einen namhaften Posten des Buches erworben.

Elisabeth Wolf, Der Funke Ewigkeit. Eine Familienchronik, Verlag Frieling & Partner, Berlin 1997, 304 Seiten; DM 24,80.

Im März des Jahres 1896 wird den Wirtsleuten Schröppel in Ederheim eine Tochter geboren. 100 Jahre später unternimmt deren Tochter Elisabeth den Versuch, die weitverzweigte Familie in einer beeindruckenden Chronik zu "verewigen". Sie spart den geschichtlichen Hintergrund nicht aus und macht so gesellschaftliche Entwicklungen des zurückliegenden Jahrhunderts begreifbar.

 

Donnerstag, 1. Mai 1997: Maitreffen des "Förderkreises Pfadfinderbund Weltenbummler, Bezirk Mittelfranken" im Irrhain

Zum Dank für ihren Einsatz bei der Pflege des Irrhains haben die Pfadfinder die Erlaubnis erhalten, daß sich ihr neugegründeter Förderkreis (Vorsitzender: Dr. Kügel) im Irrhain treffen kann. Bei dieser Gelegenheit sprechen auch Vertreter des Kreisjugendrings und der Industrie- und Handelskammer über die mißliche Lehrstellenknappheit. Herr Teschner, selber in der Lehrstellenvermittlung tätig, betreut einen Informationsstand.

 

Sonntag, 11. Mai 1997, 14.00 Uhr: Maispaziergang mit Liedern und Lesungen

Ein Chor des Meistersinger-Konservatoriums

Einstudierung: Bernd Dietrich

Erwin Barth, Mundartdichter Alexander Schmal, rußlanddeutscher Autor

Treffpunkt: Naturbühne im Irrhain

Anläßlich der zweiten Veranstaltung, eines Chorsingens und zweier Lesungen, gab es natürlich auch organisatorische Arbeit. Das ging so weit, daß Frau Göldner-Kügel zugunsten der Pfadfinderkasse alkoholfreie Getränke verkaufte, die von der Feier am 1. Mai übriggeblieben waren. Der von Frau Köstler vermittelte Chor sang sehr stimmungsvoll und gekonnt Madrigale von Gastoldi und Hans Leo Haßler. Herr Barth, der schon beim Irrhainfest 1996 hätte lesen sollen und damals erkrankt war, hatte in einer Ecke des Kirchhofs großen Zulauf zu seinen humorigen Mundartgedichten. Weniger erfreulich war der Auftritt des rußlanddeutschen Autors. Er war dem Leiter unseres Sprachpflegeausschusses, Herrn Geiger, mit einigen gemütvollen und mit anschaulichen Einzelheiten wohlversehenen Texten aufgefallen. Was er allerdings bei dieser Lesung zu Gehör brachte, war beinahe nichts weiter als der deutsch verfaßte Ukas einer sowjetischen Behörde im Zweiten Weltkrieg, der den Befehl zur Deportation der Wolgadeutschen nach Sibirien enthielt. Man mußte dem betagten Manne zugestehen, daß die Erinnerung an die Leiden, die seiner Volksgruppe daraus entstanden waren, ihm sehr ans Herz ging, aber in literarischer Hinsicht war seine Verlesung jener Verordnung und eine kurze Schilderung der Zustände bei der Umsiedlung völlig unergiebig und das ganze eher peinlich.

 

Fürstenhof im Grand Hotel, Dienstag, 13. Mai 1997, 19.00 Uhr: Erinnerungsabend mit Video-Aufzeichnungen

Herr Mario Reubel hatte wochenlang gearbeitet, um diese Auswahl zusammenzuschneiden, und Dr. Kügel war mehrmals für ein paar Stunden dabeigewesen, um ihn thematisch zu beraten. Frau Kreppner hatte auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, einen Videoprojektor bei der Evangelischen Medienstelle auszuleihen. Zur Vorführung gelangten Aufnahmen seit dem Jubiläumsjahr 1994 (Fernsehbeiträge und selbst aufgenommene Szenen von Feiern und Fahrten). Die Zuschauer waren angetan; der Herr Präses zeigte sich beeindruckt von der Möglichkeit, der Nachwelt nicht nur schriftliche Zeugnisse, sondern auch die Anschauung zu hinterlassen, wie die Mitglieder im wirklichen Leben ausgesehen, geklungen und sich bewegt haben. Der Eintrittspreis von 10 DM, der ausnahmsweise für die Leihgebühr des Gerätes erhoben wurde, konnte verschmerzt werden.

 

Fürstenhof im Grand Hotel, Dienstag, 10. Juni 1997, 19.00 Uhr

Johannes Geiger: Die deutsche Literatur im Griff der Staatssicherheit

Johannes Geiger, Studiendirektor a.D. und Vorsitzender des Arbeitskreises Deutschland- und Außenpolitik in der CSU im Großraum Nürnberg-Fürth, referierte beim Pegnesischen Blumenorden und untermauerte in einem Referat zum Thema "Die deutsche Literatur imVisier der Staatssicherheit der DDR" die These vom totalitären Charakter des SED Staates auf deutschem Boden.

Um 1800 Ideologieproduzenten im Sicherungsbereich Literatur der Stasi unter den Willen der Partei zu zwingen, wurde ein nahezu perfektes System der Nachrichtengewinnung, Speicherung und Bearbeitung errichtet, das generalstabsmäßig geführt und nach wissenschaftlichen Grundsätzenerarbeitet wurde, wobei jede Form von Gemeinheit, Lüge, Hinterlist und menschlicher Niedertracht erlaubt war, um die Linie der Partei im Literaturbetrieb sowohl in Deutschland-Ost wie im Westen durchzusetzen.

Aktenlage aus der Gauckbehörde zum Literaturbetrieb erlaubt es jetzt, den Aufbau, die Arbeitsweise und die Verantwortlichen schriftlich belegt nachzuweisen. Die Hauptabteilung XX der Staatssicherheit war die Kampfeinheit zur geheimdienstlichen Durchdringung der Kirchen, Universitäten, des Medienbereichs; die Diensteinheit XX17 war auf den Literaturbetrieb angesetzt und erfaßte die Schriftsteller, das Verlagswesen, die Germanistik an den Universitäten und Literaturzeitungen, den Film-und Rundfunkbetrieb, die Theater und die Schriftstellerverbände. Es ging um die totale Erfassung des gesamten Literaturbetriebs, die Speicherung aller relevanten Daten und die Bereitstellung von Personen und Sachwissen, damit die Staatsmacht entsprechend der Parteilinie handeln konnte.

Eine Stabsabteilung bearbeitete entsprechend der .Anweisung durch Honecker und das Politbüro die operativen Vorgänge. Jeder Vorgang bekam einen Decknamen, z.B. "Lyrik" gegen Reiner Kunze, und eine "Zielstellung": Ausschalten durch Zersetzung, Bestrafung, Ausbürgerung und mundtot machen. Wenn Reiner Kunze, Erich Loest, Siegmar Faust vorgangsmäßig bearbeitet wurden, dann spielten die IMs, die informellen Mitarbeiter, die Hauptrolle.(Decknamen von 2000 erfaßt!) Es gab solche, die Lageberichte verfaßten, Gutachten erstellten, andere, die in die Familie eindringen, das Vertrauen des Bearbeiteten gewinnen sollten, solche wiederum, die die Geheimhaltung absichern sollten, und andere, die die Zersetzung durch Bedrohungsaufträge durchführen mußten. Der Maßnahmenkatalog umfaßt Post-und Telefonüberwachung, das Wohnen, das persönliche Umfeld, Zusammentreffen mit regimefeindlichen Kräften, Auftreten im Schriftstellerverband, vor allem Beziehungen zu Schriftstellern, Verlagen und Journalisten im Operationsgebiet "West". Die totale Erfassung wurde zur Grundlage der Zerstörung eines Menschen, ohne daß die westliche Öffentlichkeit einen Ansatz erhielt, diese propagandistisch auswerten zu können, vor allem, seit die DDR im Rahmen des Entspannungsprozesses sich an die Beschlüsse der Helsinki-Konferenz halten wollte. Unter dem Schein der völkerrechtlichen Legalität wurde subversiver Terror als Mittel des Klassenkampfes zur Methode. Die Dissidenten halfen das System zu stürzen, sie, wie die gesamte deutsche Literatur, leben aber auch heute noch im Schatten der Stasi.

Das Versagen des westlichen öffentlichen Bewußtseins lag darin, daß es der Stasi gelang, trotz des offensichtlichen Terrors gegen die deutsche Literatur in der DDR, diesen zu verharmlosen oder zu verleugnen. Und weil man versagte, straft man heute die Dissidenten und Bürgerrechtler mit Nichtbeachtung oder Verleumdung. Die IMs der DDR und im PEN-Zentrum, obwohl enttarnt, hindern das öffentliche Bewußtsein nicht daran, ihre große literarische Bedeutung zu loben. Der Dramatiker Heiner Müller, Symbolfigur der IM-Literatur, mag für die Verkommenheit eines Systems der Denunziation und der Ideologie der Lüge gelten.

 

Am 11. Juni sprach Herr Dr. Sargut Sölcün von der Erlanger Universität vor der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bayern über Türkische Literaten in Deutschland. Er unterscheidet bereits mehrere Generationen solcher Schriftsteller. Die Migranten aus der Türkei seien kein Kollektiv, obwohl sie eine gemeinsame Vergangenheit haben. Begriffe wie "Heimat", "Fremde", "Liebe" werden zunehmend ihres Sinnes entleert. Dieser Übergang von der Utopie zur Erfahrung des Lebens als eines grundsätzlich Zerbrechlichen stellt erst die eigentliche Entwurzelung dar. Noch dazu läßt das Interesse des Publikums an solchen Randerscheinungen des Literaturbetriebs in dem Maße nach, in dem das internationale Ansehen der Türkei schwindet und sich Angst vor dem muslimischen Fundamentalismus ausbreitet. Gerade der gebildete Deutsch-Türke hat es zur Zeit sehr schwer. Der Referent schien hier auch ein wenig von sich selbst zu sprechen. Dr. Kügel, der von Dr. Hagen auf diesen Vortrag aufmerksam gemacht worden war, berichtete darüber im Literarischen Beirat (siehe unten).

 

Am 14. Juni fand in der Kongreßhalle ein "musikalisch-literarischer Tag" im Rahmen der Fränkischen Kulturwochen statt, der leider sehr schlecht besucht war. Für den Orden setzte sich wieder einmal Dr. Kügel ins Publikum.

Der Vormittag ging mit Musikstücken hin, von denen aus unserem Standpunkt ein "Trugbild für Hammerklavier" von Walter Zimmermann nach einem Text aus Ernst Jüngers "Subtile Jagden" erwähnenswert ist. Am Nachmittag folgte erst eine ziemlich unerfreuliche Doppellesung von Fitzgerald Kusz und dem Bamberger Krischker. Kusz verfaßt Kurzgedichte, die er Haikus nennt, ohne sich darum zu kümmern, was ein Haiku ausmacht. Sein Genosse Gerhard C. Krischker erfreute zuweilen mit sehr persönlich gehaltenen Erinnerungen aus einer sehr urwüchsigen Kindheit, blieb aber sonst dem behäbigen Kritisieren verhaftet, wie es die mittelmäßigen literarischen Gesinnungstäter unserer Region allzulange unter völliger Übereinstimmung mit den politisch führenden Kreisen von sich geben konnten; nun mischt sich noch ein Lamento hinein, daß so etwas nicht mehr ganz fraglos beschützende und ernährende Abnehmer findet. Die beiden Schriftsteller hätten eine Stunde lesen sollen, ließen aber die etwa 25 Zuhörer nach einer halben Stunde im Stich und lange auf den nächsten Programmpunkt warten. Frau Meidinger-Geise war in literarischer Hinsicht wirklich der Höhepunkt des Tages: Ihre Gedichte aus "Zeitsand" bilden eine gute Verwirklichung dessen, was man mit dem Germanisten Fülleborn die "Überwindung des Besitzdenkens" nennen könnte. Einige ältere, angehängte Literatursatiren brachten das Publikum zum einzigen Mal an diesem Tag zum vergnügten Mitgehen. Dann las noch Herr Dr. Knodt aus seinem entstehenden Roman "Von Hermannsthal bis Rosendale". Man möchte diesem Projekt alles Gute wünschen.

 

Drei Wochen vor dem Irrhainfest erlitt Herr Woitas einen Herzinfarkt und fiel dabei so unglücklich zu Boden, daß er sich auch noch die Schulter brach und das Gesicht entstellte. Als sich von keiner anderen Seite Ersatz anwerben ließ, übernahm Dr. Kügel die Rolle des Cesare und lernte sie in vier Tagen auswendig. Es konnte weitergehen. Proben fanden bei schlechtem Wetter in der Fachhochschule statt, bei erträglichem im Irrhain. (Gutes Wetter gab es bis dahin in Nürnberg nicht.) Herr Reiß machte sich beim Mähen der Bühne und der Zuschauertribüne mindestens ebenso nützlich wie Dr. Kügel, damit gespielt werden konnte. Er sorgte auch für einen Teil der Requisiten; für einen anderen Teil sorgte Frau Lehmann. Frau Friederich, die seit Jahren als Souffleuse beim Irrhainspiel fungiert, hatte anfangs sehr viel auszuhelfen. Dazu mußte Frau Lehmann einer ihrer Schülerinnen die Rolle der Zofe geben, da Frau Kreppner wegen vielfältiger Verpflichtungen im Rahmen ihres Verbandes "Frau und Kultur" nun doch nicht an mehreren Proben teilnehmen konnte.

 

Kleine Meistersingerhalle, Nürnberg, Sonntag, 22. Juni, 11.00 Uhr

Prof. Herbert Rosendorfer, bekannt als Verfasser von "Der Ruinenbaumeister", "Briefe in die chinesische Vergangenheit" u.v.a.m., liest im Rahmen eines Konzertes des TELEMANN-ORCHESTERs NÜRNBERG aus seinem Buch "Der Traum des Kapellmeisters" und aus einem im Entstehen begriffenen Buch. Herr Kistner hat dazu einen Büchertisch aufgebaut.

 

Am 28. Juni fährt Dr. Kügel mit drei anderen Mitspielern des Irrhainfestes nach Heideck, um Kostüme auszusuchen. Es werden sieben Kostüme ausgeliehen; die restlichen sind von Mitspielern selber aus privaten Rumpelkammern aufzutreiben. Frau Bittner, welche die Stücke aus dem Fundus der Stadt ausgibt, kann verbindlich mitteilen, daß wir die wenigen Kostüme, ohne jeden Tag einzeln bezahlen zu müssen, bis über das Irrhainfest hinaus benutzen dürfen, ohne sie dazwischen zum Heidecker Fest zurückzubringen. Herr Jörg Schultheiß, Vorsitzender des dortigen Heimatvereins, hat für uns gute Bedingungen ausgehandelt. Er ist auch am Freitagnachmittag beim Mähen und Heckenschneiden im Irrhain behilflich, samt seinem Sohn. Am Samstag haben Herr Dr. von Herford, der trotz seiner 70 Jahre unermüdliche Herr Ebner und Herr Teschner dann nur noch den Verschnitt abzuräumen.

 

Samstag, 5. Juli 1997, ab 9.00 Uhr: Aufräumen im Irrhain

Nach über zwei Monaten seit dem vorigen Einsatz braucht der Irrhain wieder etwas Pflege für das Irrhainfest. Treffpunkt: Gesellschaftshütte im Irrhain

Je näher das Irrhainfest rückte, desto bänglicher achteten wir auf die Entwicklung der Wetterlage. Der Verleiher eines Toilettenhäuschens mußte bis zum Freitagmorgen verständigt werden, ob er es nun aufstellen solle oder nicht. Dr. Kügel ließ es aufstellen. In der Nacht zum Sonntag wachte er um vier Uhr auf: Es regnete. Da der Irrhain ohnehin in den vorausgehenden Tagen mehrmals durchfeuchtet worden war, sodaß gerade die neue Kiesauflage noch verhinderte, daß man im Sumpf gewatet wäre, stellte er den Wecker ab und richtete sich darauf ein, bei der morgendlichen Besprechung mit dem Präses eine Verlegung auf den kommenden Sonntag aufgetragen zu bekommen. Um sechs Uhr erwachte er von neuem, weil es so ungewöhnlich hell war: Es zeigten sich blaue Fenster in den Wolken; die Straße war fast schon wieder trocken. Nun rief er den Telephon-Wetterdienst an, die Durchsage war aber noch vom Abend zuvor und sagte Schauer voraus. Um halb acht Uhr endlich kam die neueste Vorhersage und meldete für Franken den ganzen Tag Trockenheit. Herr Dr. von Herford war auch der Ansicht, man solle sicherheitshalber das Fest stattfinden lassen; ob das Wetter am nächsten Sonntag nicht noch schlechter werde, sei nicht abzusehen.

 

Sonntag, 6. Juli 1997, 14.00 Uhr: Irrhainfest des Pegnesischen Blumenordens

Begrüßung durch den Präses, Herrn Dr. von Herford

Irrhainspiel: Michelangelo und Lukrezia, von Dr. Alfred Rottler

Michelangelo: Christoph Grube

Lukrezia: Barbara Maisch

Cesare Borgia: Dr. Werner Kügel

Alexander VI. und Werkführer: Gottfried K. Reiß

Kardinal und Michelotto: Rainer Geier

Diener und Kaufmann: Karl Ebner

Zofe: Anja Wilbur

Regie: Renate Lehmann

Imbiß, Musik und Tanzvorführung an der Gesellschaftshütte

Historische Tanzgruppe "Spettacolo Cortigiano", Klaus Schmitt

Laute: Bill Buchanan; Flöte: Prisca Bartke

Eintritt u. Verpflegungsgutschein: 10 DM; Festwirt: unser Mitglied Konrad Bösl

Im Irrhain werkelte schon seit halb neun einer der Pfadfinder-Väter, Herr Wolfgang Lindner, mit einem Akku-Schraubendreher, um einige locker gewordene Latten an den Giebeln der Gesellschaftshütte zu befestigen. Er brauchte 100 Schrauben, entfernte auch die Scharniere der gewaltsam von Unbekannten entfernten Schwingtürchen am Nordzaun des Geländes und fuhr eigens nach Hause zurück, um den Akku neu zu laden, worauf er zur Beendigung seiner Arbeit zurückkehrte. Das beeindruckte Herrn Dr. von Herford in so angenehmer Weise, daß er auf sein Angebot zu sprechen kam, die Pfadfinder könnten einmal bei ihm auf Schloß Virnsberg ein Wochenende verbringen.

Herr Dr. Rottler war nun auch eingetroffen, und wir kümmerten uns zu dritt bei einem Durchschnittsalter von 70 Jahren um die Aufstellung von fünf Pavillonzelten. Kaum waren die im Kreis am Platz der Denkmäler, am "Kirchhof", angeordnet, erschienen die Mitglieder der zwei Gruppen, die noch Generalprobe halten wollten: unserer Schauspielgruppe und der Tanzgruppe "Spettacolo Cortigiano". Dr. Kügel war bei der Pfadfinderveranstaltung von einem Spaziergänger namens Klaus Schmitt angesprochen worden, ob er mit seiner Gruppe einmal historische Tänze im Irrhain aufführen dürfe. Er ist Mathematiklehrer an einer Realschule und leitet die Gruppe als Freizeitbeschäftigung. Natürlich hatte Dr. Kügel zugesagt, um so lieber, als es ihm heuer nicht gelungen war, irgendwelche Schriftsteller zum Lesen beim Irrhainfest zu bewegen. Man bekommt nichts mehr umsonst, gerade in diesen finanziell sehr beengten Zeiten, aber die Tänzer bekamen wir umsonst bloß nicht ihre Musikbegleitung, einen Lautenisten, Amerikaner, namens Pete Buchanan, und die Flöterin Prisca Bartke; die erhielten eine Gage, die zusammengerechnet etwas niedriger war als die derjenigen Gruppe, an die wir zuerst gedacht hatten und die dann aus Termingründen abgesagt hatte.

Als wir geprobt hatten und um 13.05 Uhr der Festwirt, Herr Bösl, mit seinen Bänken und Tischen noch nicht einmal von ferne zu sehen war, wurde Dr. Kügel etwas nervös. Frau Reubel bot er an, ihr beim Einparken zu helfen, wenn sie ihn vorher noch geschwind in den Ort Kraftshof zur "Alten Post" fahre. Dort traf er Herrn Bösl an, wie er im Durchgang zum Hof stand, und fragte ganz vorsichtig, ob er vom Stattfinden des Irrhainfestes unterrichtet worden sei. Er erwiderte, er sei schon am Zusammenpacken und komme in fünf Minuten. Daß es dann noch gut zehn Minuten dauerte, bis sein Kleinbus mit den Bierbank-Garnituren durchs nördliche Irrhaintor fuhr, will man ihm nicht vorwerfen. Er hatte genügend Helfer mitgebracht, Dr. Kügel half auch noch dazu, sodaß die Sitzgelegenheiten eine halbe Stunde vor dem vorgesehenen Beginn tatsächlich standen.

Es kamen etwa siebzig Mitglieder und Gäste, angesichts des ungewissen Wetters keine schlechte Zahl. Es hatte zwar den ganzen Tag nicht geregnet und blieb auch trocken, aber sehr warm war es nicht, etwa 18C. Für die Schauspieler und die Tanzgruppe in den Kostümen war das ganz angenehm.

Das Theaterstück dauerte fast eine Stunde und lief gut ab. Man hörte hinterher viel Schmeichelhaftes, zum Beispiel von Herrn Dr. Jäger. Herr Mario Reubel fertigte eine vollständige Videoaufnahme an. Er hatte die Einstellungen auch schon in der Generalprobe geübt.

Auf das Irrhainspiel folgte der traditionelle Umgang im Hain. Leider hatten wir diesmal keine Blumengebinde zum Vorantragen. Herr Teschner hatte sie bestellen wollen, aber erst am Morgen bemerkt, daß der sonst beauftragte Blumenladen am Sonntag nicht mehr geöffnet hat. Er selbst fühlte sich wegen einer Erkältung gar nicht wohl und blieb zuhause; das erfuhren wir aber erst hinterher.

Eine ausnehmend freudige Überraschung bereitete dann die Tanzgruppe. Ausgesprochen gediegene Tanzmusik der Renaissance Attaignant, Newsidler o.ä. begleitete die gekonnten, schön und edel getanzten Figuren. Herr Dr. von Herford denkt schon darüber nach, diese Leute einmal in Virnsberg auftreten zu lassen.

Wir hielten den üblichen Umtrunk aus dem 300 Jahre alten Tulpenpokal, indem wir Vorstand und Helfer und Mitspieler zu je einem Schluck und einem Wort der Gratulation und des Wohlwünschens kommen ließen. Die Stadtwurst von Herrn Bösl schmeckte nicht anders als die im vorigen Jahr, statt eines Fäßchens Bier gab es allerdings nur Flaschen wenn man nicht Mineralwasser vorzog. Allem Anschein nach waren's die Besucher in ihrer Mehrzahl zufrieden. Als sich die Gesellschaft langsam in den immer noch freundlichen Abend hinein verlief, bauten Herr Mario Reubel und Dr. Kügel noch die fünf Pavillonzelte ab. Das dauerte noch etwas über eine halbe Stunde, dann war Feierabend. Große Erleichterung.

 

Im Palisanderzimmer des Grand Hotel fand am 29. Juli 1997 von 19.00 Uhr bis 20.30 Uhr eine Sitzung statt, bei der Herr Dumont du Voitel, Herr Heinemann, Frau Dr. Korten, Herr Dr. Kügel, Herr Dr. Rottler und Frau Dr. Wolf anwesend waren.

Eine Nachbesprechung der Veranstaltungen ergibt: Das, was je einer getan hat, müßten in Zukunft je drei tun.

Die Aufführungen des Rottlerschen Michelangelo-Dramas zum Irrhainfest und zum Virnsberger Schloßfest sind geglückt und haben viel Beifall gefunden. Aus dem Standpunkt des Blumenordens war daran besonders die Sprechkultur zur Verwirklichung der Sprachkultur bedeutsam.

Zum Bericht über den Vortrag des Herrn Dr. Sargut Sölcün von der Erlanger Universität vor der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bayern über Türkische Literaten in Deutschland: Frage, ob im Blumenorden nicht einmal ein Werkstattgespräch mit solchen deutsch schreibenden Migranten gehalten werden könnte.

Zur Neugründung eines "LiteraturClubs Nürnberg", Vorsitzende Gerda Boos: Der Orden muß Verbindung aufnehmen und Zusammenarbeit anbieten.

Beklagt wird noch das Schweigen der Presse gegenüber unseren und ähnlich gelagerten Kulturbemühungen sowie das Ausbleiben einer Einladung zum Projektausschuß "950 Jahre Nürnberg".

 

Die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften (ALG), in welcher der Blumenorden Mitglied ist, findet vom 12. bis 14. September in Bad Bertrich statt. Vertreter des Ordens ist Dr. Kügel. Die Schriftführerin der ALG, Frau Kussin, äußert Freude über die persönliche Kontaktaufnahme, würde sich jedoch noch genauere Auskünfte über die laufenden Tätigkeiten des Ordens wünschen. In der Hauptversammlung wird der Blumenorden für seine Auffindbarkeit im Weltweiten Rechnerverbund gelobt: Wir seien wieder einmal die ersten gewesen. Ansonsten ergeben sich Kontakte zu Prof. Dr. Jürgen Hein von der Nestroy-Gesellschaft und Frau Baumann vom Sulzbach-Rosenberger Literaturarchiv. Das übernächste Treffen im Jahre 1999 soll in Sulzbach-Rosenberg stattfinden; es wäre zu überlegen, ob man wegen der Nähe des Ortes einen Ausflug der Teilnehmer zum Irrhain anbieten soll.

 

Samstag, 20. September 1997: Herbstfahrt

Die ehemalig fürstbischöfliche Sommerresidenz Seehof sowie Burgen und Schlösser in der Fränkischen Schweiz sind von Herrn Zagel als Ziele ausgewählt und vorbereitend besucht worden.

In Seehof findet eine ausführliche Führung durch die Schauräume statt, außerdem eine Besichtigung des Parks und der eigens angeschalteten Kaskade. Dann bringt uns der Bus nach Schloß Greifenstein oberhalb Heiligenstadt, Schloß Aufseß und Burg Rabenstein, doch nur das erstgenannte kann besichtigt werden. Die Weiterfahrt bringt uns nach Sanspareil, wo Kaffeepause, Besichtigung des Pavillons und der Felsengärten sowie der Burg von den Teilnehmern unterschiedlich in Anspruch genommen werden.

Abfahrt: ZOB Willy-Brandt-Platz, 8.15 Uhr; Rückkehr gegen 19.00 Uhr.

Der Fahrpreis einschließlich Eintritts- und Führungsgeldern beläuft sich auf DM 45.- je Teilnehmer.

 

Zum 1. Oktober wird als Mitglied aufgenommen:

Herr Heinz Karst, geboren 1914, 1934 Abitur in Bielefeld, Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Köln und Würzburg. Ab 1936 Soldat, 1939 schwer verwundet, ab 1941 an der Ostfront, Kommandeur einer Panzeraufklärungsabteilung. Erneut mehrfach verwundet. Nach Kriegsgefangenschaft weiteres Studium in Köln. Lehrte dort Literaturgeschichte an der Buchhändlerschule. 1952 Berufung in die "Dienststelle Blank", wo er maßgeblichen Einfluß auf den Aufbau der Bundeswehr nahm. Seit 1976 als Brigadegeneral außer Dienst; geistesgeschichtliche Veröffentlichungen, rege Vortragstätigkeit. Dem Orden nahegekommen durch seinen begeisternden Vortrag am 8. 4. 1997.

 

Der von Godehard Schramm und Heinrich Hartl gemeinsam gestaltete literarisch-musikalische Abend am 6. Oktober in der Schalterhalle der Stadtsparkasse endete mit einer sehr erfreulichen Überraschung: Die Einnahmen des Abends, aufgerundet auf DM 2000, wurden zu gleichen Teilen dem LiteraturKlub Nürnberg (Frau Boos, vertreten durch ihren Ehemann) und dem Blumenorden (vertreten durch Dr. Kügel) gespendet. Die Anwesenden erfuhren über den Blumenorden anläßlich des Dankes, daß seine Mitglieder, darunter manche bekannte Persönlichkeiten, durchaus in der Öffentlichkeit mit kulturellen Taten hervorträten (Herr Prof. Weiler und Dr. Schramm seien an diesem Abend die besten Beispiele), daß aber Herrn Prof. Weilers Bedauern, der Orden wirke als solcher im Verborgenen, zumindest für das Irrhainspiel, aber auch für die öffentlichen Vortragsveranstaltungen nicht zutreffe. Dennoch ist bessere Sichtbarkeit unserer Bemühungen anzustreben.

 

Die zweiten Nürnberger Autorengespräche am 10. und 11. Oktober auf der Kaiserburg standen unter der Leitfrage: Diktatur der Medien? Dr. Kügel konnte nur am zweiten Tag dabeisein.

Der erste Diskussionsabend hatte dem Vernehmen nach (mit maßgeblicher Beteiligung des bekannten Sprachwissenschaftlers Harald Weinrich) den Gesichtspunkt der Verantwortung der Medien für die Sprache und der Verantwortung der Familien für den Medienkonsum herausgestellt.

Am zweiten Tag referierte Christian Ankowitsch (DIE ZEIT) über einen Literaturwettbewerb im Internet (typischerweise hatten sich mehr schriftstellernde Rechnerexperten als rechnergeübte Schriftsteller beteiligt); der Nürnberger Literat Gerd Scherm, der schon einmal eine literarische Installation im Irrhain vorgeschlagen hatte, stellte Ergebnisse einer Fax-Umfrage mit dem Titel "Sag mir dein Geheimnis" vor (sie waren weniger sensationell als im Zusammenwirken poetisch); dazwischen vertieften Lesungen von Gedichten (Gerhard Falkner, Dagmar Leupold) oder Kurzprosa (Gunnar Schuberth, Thomas Reglin) die theoretischen Erörterungen. Überschreitung textorientierter Poesie zeigte in einer Installation Alfred Banze aus Köln, der anhand von Expeditionsmaterialien und einer Internetseite sinnenfällig machen wollte, wie er auf die Suche nach Varianten der Schöpfungs- und Paradiesmythen in der Südsee gegangen war und seine Ergebnisse dann in Fußgängerzonen zu vermitteln versucht hatte. Für eine rechte Erfassung dieser Bemühungen fehlte die Zeit. Dr. Knodt schlug das Thema der Professionalität des Schriftstellers am Beispiel des Rundfunkautors an, wobei ihm die Programm-Macher Michael Schmidt vom Bayerischen Rundfunk und Hubert Winkels vom Deutschlandradio zur Seite standen. Der vor allem von Peter Horst Neumann formulierte Verdacht, das Eingehen auf die Produktionsbedingungen der Medien bedeute das Ende der Buchkultur, wie wir sie kennen, und unterwerfe den Autor einem Tempo, das für verantwortliche oder künstlerisch freie Gestaltung zu wenig Raum lasse, wurde u.a. mithilfe der Stellungnahmen von Martin Hielscher vom Kiepenheuer&Witsch-Verlag zum Teil entkräftet, zum Teil blieb ein Unbehagen gegenüber der zurückgehenden Individualität, das am Beispiel des Copyright für elektronisch abrufbare Texte erörtert wurde.

Die abschließende Podiumsdiskussion zeigte den New Yorker Medienphilosophen Wolfgang Schirmacher in dem unangenehmen Licht neoliberaler Kaltherzigkeit, Egomanie und Arroganz, wodurch sich auch die Teilnahme der Anwesenden im Saale sehr belebte. Es schälte sich insoweit eine gewisse Einmütigkeit heraus, als die Eigenschaft der Sprache, Verständigungsmittel zu sein, über die bloße Eigenverantwortlichkeit des Medienbenützers und schlechthin des Menschen für sich selbst beim Führen eines je einzeln sinnvollen Lebens gestellt wurde. Auf den Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Verantwortlichkeit mochten fast alle nicht mehr verzichten.

 

Hans-Sachs-Zimmer im Grand Hotel, Dienstag, 14. Oktober 1997, 19.00 Uhr

Ingeborg Höverkamp: Ein literarisch-kunsthistorischer Streifzug

Frau Höverkamp liest aus ihrer Elisabeth-Engelhardt-Biographie und aus ihrem neuen Gedichtband "Mondstaub". Ihre besonnen vorgetragenen, feingesponnenen Worte und Beobachtungen machen tiefen Eindruck auf die Anwesenden.

 

Auf der Informationsveranstaltung zum Stadtjubiläum vom 10. 11. 1997 haben Herr Dr. Uli Glaser und seine Mitarbeiter vom Projektausschuß, maßgeblich auch Herr Carlo Jahn, keine für uns neuen Gedanken vorzustellen. Sie tun dies allerdings mithilfe einer Reihe von Stellwänden, auf denen die bisherige Themensammlung und bestimmte Gliederungsvorschläge auf Papierbahnen angeschrieben sind. (Man nennt so etwas neuerdings Präsentation.) Präsentiert wird für etwa 15 erschienene Geladene aus dem Vereinsleben des Innenstadtbereichs; dasselbe soll in den nächsten Wochen noch mehrmals in verschiedenen Stadtvierteln abgehalten werden.

Nach der ausführlichen Erläuterung der Anschriften ist die Reihe an den Teilnehmern, auf Kärtchen ihre Ergänzungswünsche aufzuschreiben, diese werden eingesammelt und miteinander kurz besprochen, bevor sie an passende Stellen der Wandtafeln angeheftet werden. Die Hälfte aller Kärtchen stammt von Dr. Kügel. Eines hebt das Telemann-Orchester im Zusammenhang mit dem Thema "Nürnberg als Weihnachtsstadt" hervor, die anderen betreffen den Blumenorden:

Zu "Nürnberger Landmarken": der Irrhain als Kultur- und Naturdenkmal!

Zu "Nürnberg international": auswärtige Beziehungen des Blumenordens einst und jetzt gesamteuropäischer Horizont!

Zu "Stadt der Meistersinger": das "historische Konzert", in dem Harsdörfer und Staden zum ersten Mal einen musikgeschichtlichen Überblick zu hören gaben! (Es wird in diesem Zusammenhang möglich, unter Hinweis auf die Ergebnisse des Barockforscherkongresses von 1994 der Auffassung entgegenzutreten, Nürnberg sei nach dem Dreißigjährigen Krieg kulturell abgestürzt.)

Zu "PEN-Jahresversammlung 2000 in Nürnberg": Mitglieder des Blumenordens im PEN; Blumenorden älteste Literarische Gesellschaft überhaupt!

Zu "Stadt des Friedens und der Menschenrechte": das Friedensmahl von 1649, symbolisch gestaltet von Harsdörfer; das Friedensfestspiel von 1650 samt abschließendem Feuerwerk, verfaßt von Birken, dem 2. Präses nachgestellte Aufführung auf der Deutschherrnwiese? Material bei Mitglied Prof. Dr. Laufhütte, Passau.

StD Horst Göbbel weist auf die Rolle Nürnbergs als Durchgangs-, aber auch Ansiedlungsplatz zehntausender von Flüchtlingen hin. Auch das wird als wertvolle Anregung gesehen, wobei sich Herr Glaser beeilt, auf das entstehende "Haus der Heimat" hinzuweisen. (Herr Geiger, der selber nicht kommen konnte, hatte am Vortag einen seiner "bösen Briefe" geschrieben.)

Die Kärtchen werden am Ende eingesammelt und ins Kulturreferat mitgenommen. Es wird regelmäßige Arbeitsberichte in Leporello-Form (und mit dem etwas unglücklichen Namen "Hotline") geben. Rückmeldebogen werden ausgeteilt. Dr. Kügel hat mit Herrn Dr. Glaser einen Gesprächstermin am Dienstag, den 25. 11., 12.30 Uhr, im Neuen Rathaus, ausgemacht. Dort kommen noch Einzelheiten wie die Pflege des Irrhains und des Weges am Poetenwäldchen im Hinblick auf mögliche Aufführungen unter Beteiligung des Blumenordens zur Sprache.

 

Am 11. 11. besucht Dr. Kügel absprachegemäß Herrn Dr. Hanschel. Dieser wünscht zu wissen, ob seine Adventsansprache vorwiegend auf das Religiös-Besinnliche abgestimmt sein solle. Er wird eine Rede von etwa 15 bis 20 Minuten vorbereiten und stellt die Unterlagen dem Mitteilungsheft zur Verfügung.

Der erste Schritt der geplanten Auszeichnung von Facharbeiten in Deutsch wird sein, daß Dr. Hanschel sich alle Themen von Facharbeiten melden läßt, die in Mittelfranken 14 oder 15 Punkte erzielt haben. Das kann bis Anfang April geschehen.

Der zweite Schritt: Germanisten im Orden wählen diejenigen Themen aus, die im Sinne unserer Satzung Aufmerksamkeit verdienen.

Der dritte Schritt: Dr. Hanschel läßt sich diese Facharbeiten schicken, und wir suchen uns nach kursorischer Lektüre diejenigen Verfasser aus, die eine Auszeichnung erhalten sollen, etwa fünf bis sieben. Auf eine erneute Bewertung oder Festlegung einer Rangfolge möge der Blumenorden besser verzichten; abgesehen vom Arbeitsaufwand, erschiene das Herrn Dr. Hanschel nach bereits erfolgter Notengebung wohl zu problematisch.

Die eigentliche Prämiierung: Eine angemessen würdige Feier, falls man nicht nur Urkunden und Schecks verschicken möchte, müßte in der Woche vom 15. bis 19. Juni 1998 stattfinden, da die Schüler sonst nach Aushändigung des Abiturzeugnisses nicht mehr erreichbar wären. Herr Dr. Hanschel bemerkte zu dem unverbindlichen Einfall, das könne als eine Art Empfang im Grand Hotel stattfinden, daß der Ort ihm ideal erschiene, schon allein wegen der Lage. Länge der Veranstaltung: nicht über eineinhalb Stunden; einzelne Würdigungen dessen, was an jeder Arbeit besonders im Sinne des Blumenordens ist, wäre bei der Überreichung der Auszeichnungen wünschenswert.

Herr Dr. Hanschel überreicht noch ein Heft mit dem Ergebnis des jüngsten Lyrikwettbewerbs an Gymnasien durch Dr. Müller-Mateen und empfiehlt uns wärmstens, mit diesem Kollegen Kontakt aufzunehmen.

 

Fürstenhof im Grand Hotel, 25. 11. 1997: Vortrag von Herrn Prof. Dr. Hartmut Bobzin: Über die Neuausgabe der Rückert'schen Koranübersetzung

Im ersten Teil seines Vortrages gibt Prof. Dr. Bobzin einen Überblick über die Übersetzungen des Korans durch christliche Gelehrte, mit besonderer Berücksichtigung solcher, die mit Nürnberg zu tun hatten.

Der Koran ist in Europa in arabischer Sprache gedruckt worden, lange bevor die islamischen Völker den Buchdruck kannten oder ausübten: zum ersten Mal 1508, aber auch noch 1694. Einer der Sätze von Drucktypen, die dafür geschnitten worden waren, und zwar ein besonders charakteristischer, ist früher im Besitz einer Nürnberger Patrizierfamilie gewesen, aber seit dem Kriege verschollen.

1543 erschien in der Nürnberger Verlagsbuchhandlung, die heute Korn & Berg heißt, eine deutsche Koranübersetzung mit dem lateinischen Titel "Mahometes filii Abdallae Theologia et Alcoranus". Der Übersetzer war Johann Albrecht von Widmannstätter. Ihm lag eine im 12. Jahrhundert auf Anregung des Abtes Petrus Venerabilis in Toledo von einem englischen Gelehrten ins Lateinische übersetzte Fassung vor. Dieses Buch war ihm vom Papst geschenkt worden, als er noch päpstlicher Sekretär war, zum Dank dafür, daß er jenem die kopernikanische Lehre erklärt hatte. Widmannstätters Bibliothek ist der Grundstock der Bayerischen Staatsbibliothek geworden; in dem noch erhaltenen Exemplar der toledanischen Übersetzung findet sich der handschriftliche Vermerk: "Codex iste Senatus Norimbergensis iussu et librariorum culpa depravatus fuit quia maxime ubi haeresiam lutheranorum attingebat." Man suchte also die theologischen Aussagen möglichst im Hinblick auf die eigene Position zu entschärfen. Eine weitere Einstellung gegenüber solchen Texten war die, sie als Negativbeispiele für die als feindlich und, im Zeitalter der Türkenkriege, auch akut bedrohlich eingeschätzte fremde Kultur publik zu machen.

Die Venezianer, die schon früh einen arabischen Druck des Korans hergestellt hatten, um ihn in ihren östlichen Handelsgebieten zu verkaufen, haben auch eine erste italienische Übersetzung des lateinischen Textes verfertigt. Diese wurde eingesehen von Salomon Schweiger von Sulz, der auf dem Nürnberger Rochusfriedhof beerdigt ist. Er war schwäbischer Abstammung und auf kaiserlichen Gesandtschaften als protestantischer Prediger vier Jahre lang durch den Orient gereist. Später war er als Prediger an der Nürnberger Frauenkirche tätig. Außer seinem Reisebericht ließ er auch eine deutsche Koranübersetzung erscheinen, 1616 bei Simon Halbmeier, die direkt auf den arabischen Text zurückgeht. Noch die 1659 bei Johann Andreas und Wolfgang Endter in Nürnberg erschienene deutsche Ausgabe ("Alcoranus mahometicus") ist eine ausführlich kommentierte Fassung der Schweigerschen Arbeit.

1698 wurde die toledaner lateinische Übersetzung ein weiteres Mal ins Italienische übersetzt, und zwar durch Marrachi in Padua. Ein englischer Gelehrter namens Alexander Ross zog sie heran im Rahmen einer vergleichenden Religionsgeschichte. Darauf fußt eine Darstellung des Islam, die David Nerreter in Altdorf 1701 bis 1707 verfaßte. Er war geboren in Nürnberg am 8. 2. 1649, hatte nach ersten Studien in Altdorf eine Studienreise nach Königsberg, Schweden, Rußland und Polen gemacht, seine Studien in Altdorf fortgesetzt, wo er Schüler des Professors Saubert junior, eines Kenners orientalischer Sprachen, gewesen war, wurde 1670 in den Blumenorden unter dem Namen Philemon aufgenommen, 1695 Prediger an St. Lorenz, dann Pfarrer in Wöhrd; später wandte er sich als Pietist, als der er in Nürnberg nicht gern gesehen wurde, nach Stargard und starb dort 1726. Seine auszugsweise Übersetzung des Korans (1709) entstand in kritischer Auseinandersetzung mit Schweigers Arbeit auf der Grundlage des arabischen Textes.

Während Friedrich Rückert in Erlangen Professor für Orientalistik war ( 18261941), trieb er mithilfe reichlicher Bestände der Universitätsbibliothek, die noch von den Altdorfer Sammlungen überkommen waren, intensive Koranstudien. Wie aus den erhaltenen Entleihverzeichnissen zu ersehen ist, bediente er sich unter anderem eines Koranexemplars, das noch Katharina II. von Rußland 1787 für ihre tartarischen Untertanen in arabischer Sprache hatte drucken lassen.

Im zweiten Teil seines Vortrages stellt der Referent die besondere übersetzerische Leistung Rückerts im Hinblick auf das poetische Wesen des Korans heraus.

Es ist für die Europäer meist unverständlich, warum die Araber vom Koran derart fasziniert sind, daß sie zum Beispiel eine Koranrezitation im Rundfunk der Übertragung des Fußballspiels ihrer Lieblingsmannschaft vorziehen können. Man muß dazu wissen: Der Koran ist das wesentliche Ereignis arabischer Sprache. Koranrezitatoren werden Künstlern gleichgeachtet. Etwas Vergleichbares auf dem Gebiet der Sprachpflege findet man in unserem Raum nicht.

Der österreichische Orientalist Hammer-Purgstall hatte bereits versucht, die sprachliche Eigenart des Korans in seiner Übersetzung zu berücksichtigen: Das Problem liegt in der gereimten Prosa Mohammeds, die zwar kein Metrum hat, damit der Text nicht mit den vor-mohammedanischen, sehr wohllautenden Gedichten der Araber verglichen wird, aber durchaus Endreime besitzt. Allerdings liest sich Hammer-Purgstalls Übersetzung kaum annähernd so poetisch gelungen wie die Rückerts.

Ursprünglich wollte Rückert nur einen repräsentativen Ausschnitt übersetzen. Auch in der endgültigen Ausgabe seiner Koranübersetzung sind rein rechtliche Ausführungen weggelassen, Verse um der Wirkung willen umgestellt, etc. Dies ist im Hinblick auf weiter unten Genanntes nicht ganz so schlimm, wie es bei der Bibel wäre.

Selbst die erste Ausgabe von Rückerts Koranübersetzung wurde vom Lektor oder Setzer gegenüber der Handschrift eigenmächtig abgeändert, um eine falsch verstandene Korrektheit herzustellen, die aber den beabsichtigten Rhythmus zerstört. Dies ist gerade nicht im ursprünglichen S inne des Korans. "Koran" heißt wörtlich "Das Lesen des Buches". Es ist eine im wesentlichen mündliche Realisierung und Weitergabe der Überlieferung. Daraus erklärt sich auch, daß ein Muslim es nicht für nötig, beinahe schon für unzulässig hält, eine Übersetzung anzufertigen oder jedem ein arabisches Exemplar in die Hand zu drücken. Jede "Sure" des Korans bildet den Gegenstand eines Gottesdienstes. Dabei kann aber der ganze Bereich der Theologie abgeschritten werden, ohne daß man andere Textstellen heranzieht. Daher sind die Suren nicht in der Reihe einer heilsgeschichtlichen Erzählung geordnet, sie fangen nicht mit einem Schöpfungsbericht an, sie tragen Titel, die mit dem Inhalt nichts zu tun haben, sondern nur auf eine markante Textstelle anspielen, und sie sind sehr verschieden lang. Man kann den Koran von hinten, wo die kürzesten Suren stehen, nach vorne lesen. Es gibt so etwas wie eine Perikopen-Einteilung der 114 Suren in 30, 60, oder 120 Abschnitte entsprechend den 30 Tagen des Ramadan, damit an jedem Tag dieses heiligen Monats gleich viel aus dem Koran gelesen werden kann, doch ist diese Einteilung nicht so fest wie bei uns diejenige der Evangelien, weil der Islam nicht so strikt als Kirche organisiert ist. Rückert hatte für diese Eigenarten das richtige Gespür.

In der nachfolgenden Diskussion ergeben sich noch Gesichtspunkte bezüglich der Gleichheit aller Muslimin, der besonderen Anstößigkeit der "Satanischen Verse" von Salman Rushdie für die Muslime (man könne im Islam ein Gottesleugner sein, aber dürfe den Propheten nicht beleidigen), der Erfahrungen Herrn Ebners in Kuweit, der verhältnismäßigen Dürftigkeit der Bestattungssitten und der Stellung der Universität von Kairo.

 

Fürstenhof im Grand Hotel, Sonntag, 7. Dezember 1997, 14.00 Uhr: Traditionelle Adventsfeier des Pegnesischen Blumenordens

Begrüßung durch den Präses, Herrn Dr. von Herford

Sonata Prima in g-Moll für Violine und Klavier

von Francesco Maria Veracini (1690-1750)

Overtura (Largo Allegro)

Ansprache des Herrn Ministerialbeauftragten für die Gymnasien in Mittelfranken, Dr. Hermann Hanschel

Aria (Affetuoso Andante)

Dr. Brons: Adventsgedanken zur Madonna in der St. Georgs-Kirche zu Kraftshof

Giga (Allegro)

Es spielen: Juliane Göldner-Kügel (Violine) und Renate Herzog (Klavier)

 

Aufgenommen zum Anlaß der Adventsfeier 1997:

Herr Dr. Hermann Jäger, geboren 1926, Gymnasium in Nürnberg, Soldat, sowjetische Kriegsgefangenschaft bis 1949, Studium der romanischen, englischen und slawischen Philologie in Erlangen und Dijon, Promotion zum Dr. phil., seit 1955 Gymnasiallehrer, Lehrbeauftragter an der Universität Erlangen-Nürnberg, Mitglied der Lehrplankommission der KMK, seit 1969 Oberstudiendirektor, zuletzt Ministerialbeauftragter für die Gymnasien in Mittelfranken; seit 1990 im Ruhestand.

Frau Annajulia Krawinkel-Großmann, geboren 1966 in Paderborn, Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Musikwissenschaft in Würzburg und Berlin. Arbeitete u.a. bei Prof. Spellerberg über Barockdichtung. 1990 Eheschließung mit Dr. Großmann (Mitgl. Nr. 1676). Freischaffende Buchantiquarin mit den Spezialgebieten Bauforschung, Bautechnik, Architektur und Bücher mit Illustrationen. Sie wurde als einhundertstes derzeit aktives Mitglied gewürdigt.