Catina – Caterina

 

 

Ist da ein Schimmer von Blau auf dem Rücken deiner Hand, Caterina? Wird es Zeit für den Abschied? Schmilzt deine Haut im Licht der Jahre zu Wachs, in das der Rost des Alters tropft?

Ich meide die Bälle, das Rascheln von Samt und Seide im Takt der Menuette, habe Angst vor den staubigen Fratzen, den Ritzen und Falten, den Koketterien und falschen Versprechen. Die Kunst ist niemandes Rettung mehr, wo sie zur Künstlichkeit entartet. Deshalb werde ich dort niemals mehr mit dir sein, Caterina.

 

Oh, Catina! Ich sehe noch den Maienmond im Wasser baden, damals, spüre noch immer, wie sanfte Wellen meine Füße umspielen. Du wuchsest mir aus der Nacht entgegen, weiß und nackt. Dein Körper ein Tempel und ich ein Pilger auf den Stufen kniend, der Zugang zum Allerheiligsten begehrte, mit offenem Mund, doch sprachlos. Dich wollte ich mir einverleiben, mit Händen, Lippen, Zunge begreifen, was meine Augen nicht sehen konnten. Schaumgeborene!

 

Der Schaum aber, der hier an schiefen Häusern vorübertreibt, trägt nur die Pestilenz in ölig schimmernden Blasen mit sich fort. Herbstlaub, an den Wehren gefangen, tanzt sich selbst in den schlammigen Grund hinab. Das Volk der Ratten tritt an Land und schüttelt sich die Fäulnis aus dem grauen Pelz. Sie warten, sie wittern, streben aufwärts auf Pfoten, zart und rosig wie die Hände Neugeborener. Das Scharren ihrer Krallen scheint der geringste unter den Lauten der Nacht. Sie kommen.

 

Habe den Stuck gemischt: Wasser, Sand und Gips. Nur noch ein wenig Wein dazu, um ihn geschmeidig zu halten. Kühler Wein in Erinnerung an einen Sommertag, von Efeu umrankt, als die Luft wie eine Decke auf dem Land lag und es schien, als habe uns die Zeit vergessen. Rasch fahre ich mit der Kelle den Schwung deines Lächelns nach, die Ranken und Girlanden; in schweigender Hast, noch ehe die Masse erstarrt. Ich hebe dich hinauf in den Himmel, wo keine Hand dich mehr berühren kann, und trete tränenblind zurück.

 

Das Fest ist vorüber, Caterina. Auf dich wartet der gnädige Schatten deiner Kammer. Nur eine Magd ist geblieben, den Saal auszufegen. Doch ist sie nicht recht bei der Sache, vielleicht hat ihr einer der Herren ein Lächeln geschenkt. So bleiben die Bröckchen und Krümel liegen und locken das graue Pack herbei.

Sie drängen ins Haus, tropfen durch Löcher und Risse, Fenster und Schächte. Anfangs verstohlen, später zunehmend dreist und lästig. Wer kann es ihnen verwehren? Ihr Hunger kennt kein Maß mehr. Sie fressen die Reste des Festes, sitzen in Speichern und Schränken, fressen und fressen und halten ihr Futter manierlich in rosa Händchen. Hockende, kleine Männer in grauen Mänteln. Je fetter sie werden, desto verächtlicher zucken ihre Bärte.

 

Missgünstig blicken sie zu dir empor, Catina, wohl wissend, dass du taub bist für ihr Scharren und Nagen, dass dich die Säulen des Himmels tragen, während die Flut ihrer Leiber über den Boden spült. Mit ihren Schwänzen knoten sie sich einen König, der dir vielstimmig seinen Hass entgegenquiekt, lange nachdem dich alle anderen verlassen haben.

 

Der Winter ist da. Einsam taumle ich durch die Gassen, und Amors Pfeil ragt aus meiner Seite wie ein verdorrter Zweig. Ich reiße ihn aus mit beiden Händen, alten Händen mit einem Schimmer von Blau. Venus war einmal. Verweht, vergangen, Schaumgeburt. Nur Amor ist ewig, der Nacht entstiegen mit Pfeilen von tödlichem Spott. Noch während mein Blut auf dem Pflaster gerinnt, weiß ich, dass ich niemals etwas anderes lieben konnte als den Augenblick mit dir, Catina – Caterina. Das alte Haus aber, leer bis auf das zornige Murmeln der grauen Männlein unter dir, erfasst ein Beben. Ein Riss durchzieht die Mauern, und du, Göttin, die du niemals warst, stürzt hinab, um sie alle unter dir zu begraben.