Miguel Cervantes de Saavedra

Das Wundertheater

 

nach der Übersetzung von Hermann Kurz neu bearbeitet für das Irrhainspiel des Pegnesischen Blumenordens 1996

von Helge Weingärtner

Regiebuch

Erster Auftritt

(Chanfalla [Johannes Kersting] und Chirinos [Britta Lang] treten von links hinten auf. Beide tragen je die Hälfte des Rahmens über der Schulter, der später zum Bühnenportal wird.)

CHANFALLA: Vergiß nicht, was ich dir eingeschärft habe, Chirinos! Besonders wegen des Streiches, den wir jetzt vorhaben; und der uns gelingen muß (sehr beziehungsvoll) wie neulich der mit dem Regenmacher.

CHIRINOS: (biegt sich vor Vergnügen, große Kiste:) Erlauchter Chanfalla, all' meine Kräfte stehen dir ganz zur Verfügung; Gedächtnis wie Verstand, und dazu ein Wille, der alle Grenzen des Möglichen übersteigt. (Trocken:) Du sollst mit mir zufrieden sein!

CHANFALLA: Gut. Wir sind inzwischen im Dorf angelangt, und jene, die uns dort entgegenkommen, sind gewiß die Honoratioren des Ortes. Gehen wir auf sie zu. — Wetz' deine Zunge auf dem Schleifstein der Schmeichelei; jedoch vergiß nicht: Allzu scharf macht schartig!

(Von links am Publikum vorbei treten auf der Amtmann, der Bürgermeister, der Gemeinderat und der Schreiber.)

Ich küsse Euer Gnaden die Hände. Wer von Euer Gnaden ist der Amtmann dieses Ortes?

AMTMANN [Christine Korten]: Ich bin der Amtmann. Was wollt Ihr, guter Mann?

CHANFALLA (Verbeugung): Wenn ich zwei Unzen Verstand besäße, so hätte ich ja gleich sehen müssen, daß diese großspurige und weitschweifige Erscheinung niemand anders sein konnte, als der höchst würdige Amtmann dieser Gemeinde, die Euer Gnaden hoffentlich einmal mit einem statthalterlichen Wirkungskreise vertauschen mag.

AMTMANN (erfreut): Nun denn, was wollt Ihr, Werter Herr?

CHIRINOS (klangvoll, furchtbar aufrichtig): Ehrenvoll mögen Euer Gnaden ihre Tage verleben, da Ihr uns so ehrt. (Keine Gestik:) Trägt doch die Eiche ihre Eicheln, der Birnbaum seine Birnen, die Rebe ihre Trauben, so muß auch der Ehrenmann Ehre tragen (Hand aufs Herz) — er kann ja nicht anders.

BENITO [Karl Ebner] (selbstgefällig, mit stumpfsinnigem Nachdruck): Ein ciceroninisches Wort, ohne ein Jota wegzunehmen oder hinzuzusetzen.

CAPACHO [Werner Kügel] (überheblich): 'Ciceronianisch' wollte der Herr Bürgermeister Benito Repollo sagen.

BENITO (gutmütig, einfältig): Immer will ich das Rechte sagen, aber ich treffe es meist nicht recht. — (rafft sich zu etwas Strenge auf:) Übrigens, was wollt Ihr, guter Mann?

CHANFALLA (schlicht, wie ein Prominenter, der nicht angeben will): Ich, meine Herren, bin Montiel, Inhaber des Wundertheaters.

AMTMANN: Und was soll der Name 'Wundertheater' besagen?

CHANFALLA (begeistert): Wundertheater nennt man es wegen der wunderbaren Dinge, die in ihm gezeigt und gewiesen werden. Es wurde konstruiert und angefertigt von dem weisen (Kunstpause; dann deutlich:) Foppinus, unter solchen (Beschleunigung:) Parallelen, Rhomben, Gestirnen und Konstellationen, mit solchen Zielen, Charakteren und Observationen, daß (ab jetzt sehr, sehr betont:) niemand etwas davon sehen kann, der einen Tropfen nichtchristlichen Blutes in den Adern hat, oder der nicht von seinen Eltern in rechtmäßiger Ehe gezeugt und geboren wurde. (Beobachtet die Wirkung auf die anderen; dann, eher beiläufig abwinkend:) Wer mit einem dieser beiden so häufigen Schäden behaftet ist, der hoffe erst gar nicht, die unerhörten und nie gesehenen Wunder meines Theaters zu sehen.

BENITO (echt staunend): Man erlebt doch alle Tage etwas Neues in der Welt. (sieht sich nach den anderen um.) Und Foppinus nannte sich der Weise, der das Theater verfertigt hat?

CHIRINOS: Foppinus nannte er sich. weil er aus der Stadt Foppinum stammte. Die Sage berichtet, er habe einen Bart bis an den Gürtel getragen.

BENITO (andächtig) : Leute mit langen Bärten sind gewöhnlich weise.

AMTMANN (gnädig): Señor Gemeinderat Juan Castrado, mit Eurem Einvernehmen verfüge ich, daß die Señora Juana Castrada, Eure Tochter, deren Pate ich bin, heute ihre Volljährigkeit feiere, und zur Verschönerung dieses Festes soll der Señor Montiel in Eurem Garten sein Wunderspiel aufführen.

JUAN [Christine Horn] (schmeichlerisch): Ich stehe dem Herrn Amtmann zu Diensten, in dessen Einvernehmen ich mich einfüge, einverstehe und einverleibe, was auch im Wege sein möge.

CHIRINOS (schnippisch): Allerdings ist etwas im Wege, nämlich daß die Herrschaften, wenn sie uns nicht erst für unsere Arbeit bezahlen, von unseren Figuren so gut wie gar nichts zu sehen bekommen werden. (Wechsel der Tonart, bittstellerisch:) Euer Gnaden, meine Herren von der Behörde: Habt ihr ein Gewissen und Herz im Leibe? Das wäre ja fein, wenn heute die ganze Gemeinde in den Garten des Senor Juan Castrado, oder wie er heißt, strömte, um unser Spiel zu sehen; und morgen, wo wir es im Ort aufführen wollen, fände sich keine Seele mehr ein. Nein, Señores, nein, Señores, ante omnia müßt ihr uns bezahlen, was recht ist.

BENITO (barsch): Frau Direktorin, hier führt keine Antonia und kein Antonius den Beutel. Der Herr Gemeinderat Juan Castrado (weist mit ausgestrecktem Arm auf ihn) wird Euch mehr als anständig bezahlen, (schaut seinem Arm nach, läßt ihn sinken; dann, schlau:) und wenn nicht, dann die Gemeindekasse. (Vergnügt:) Ihr kennt den Ort wahrhaftig schlecht. Nein, gute Frau, bei uns wartet man nicht, bis irgendeine Antonia für die andern bezahlt.

CAPACHO (hämisch aufkrähend): O weh, Señor Benito Repollo, wie schießt ihr weit vom Ziel! Die Frau Direktorin spricht von keiner Antonia, sondern von einer Vorauszahlung, die sie vor allem andern haben will, und darum sagte sie ante omnia.

BENITO (muffig): Ei, Schreiber Pedro Capacho, so sagt den Leuten, sie sollen ohne Fremdwörter reden, damit man sie auch versteht. Ihr, die Ihr belesen und beschrieben seid, könnt dieses ... arabische Kauderwelsch verstehen; ich nicht.

JUAN (mit Überwindung): Wohlan, ist der Herr Direktor zufrieden, wenn ich ihm ein halbes Dutzend Dukaten bar vorschieße?

CHANFALLA (herablassend, als hätte er's nicht nötig): Ich bin's zufrieden und stütze mich ganz auf Euer Gnaden Beflissenheit und vernünftige Einsicht. (Nimmt das Geld mit der linken Hand in Empfang und gibt es mit der rechten an seine Frau weiter, die es sich in den Ausschnitt schiebt.) Nun, jetzt kann das Spiel gleich beginnen. Vergeßt aber nicht, (sieht sie nacheinander an) welche Eigenschaften diejenigen haben müssen, die dieses Wunderspiel zu sehen begehren.

BENITO: Das laßt meine Sache sein. Ich meinesteils, das kann ich Euch sagen, gehe ruhig ins Gericht, denn ich bin eines Bürgermeisters Sohn. (Genüßlich ausmalend:) Mein Stammbaum hat eine zolldicke Schwarte von stinkaltem Christenspeck; nun urteilt selbst, ob ich die Figuren sehen werde.

CAPACHO (empfindlich): Wir alle hoffen sie zu sehen, Señor Benito Repollo.

JUAN (jetzt reicht's ihm langsam; direkt auf den Schwätzer zu): Auch wir sind nicht auf der Heide zur Welt gekommen, Señor Pedro Capacho.

AMTMANN (begütigend): Es wird schon, wie ich glaube, alles seine Richtigkeit haben, meine Herren Bürgermeister, Gemeinderat und Schreiber.

JUAN (selbstgewiß bis zum Platzen): Vorwärts, Direktor, und Hand ans Werk! Juan Castrado heiße ich, Anton Castrado hieß mein Vater und Juana Macha meine Mutter, und mehr sage ich nicht zur Bürgschaft und Sicherheit, daß ich festen Fußes diesem besagten Spiel gegenübertreten kann. So kommt denn alle mit in meinen Garten, dort das Wunderspiel zu schauen.

(alle nach vorne links ab und um den Busch herum)

 

 

Zweiter Auftritt

(zuerst erscheinen von links hinten Chanfalla und Chirinos und schrauben vorne an der Rampe, etwas rechts von der Mitte, ihren Rahmen zusammen; dann erscheinen von links hinten Juana Castrada und Teresa Repolla. Letztere trippelt sehr zierlich. Juana führt sie auf den Stein in der Mitte zu, dann teilen sie sich den Platz wie Schulmädchen in der Pause.)

JUANA [Silke Colditz-Heusl] : Hier kannst du dich setzen, Freundin Teresa Repolla, damit wir das Theater gegenüber haben. Du weißt aber, unter welchen Bedingungen es zu sehen ist; also nimm dich zusammen, damit dir kein Mißgeschick wider­fährt.

TERESA [Juliane Göldner-Kügel] (langsam, völlig ausdruckslos): Du weißt doch, Juana Castrada, daß ich deine Kusine bin, mehr sag' ich nicht. So gewiß ich bin, in den Himmel zu kommen, so gewiß bin ich, daß ich alle Figuren auf diesem Theater sehen werde. Beim Leben meiner Mutter, ich würde mir ja die Augen aus dem Kopf reißen, wenn mir ein Unglück zustieße. Dazu wär' ich grad die Richtige.

(Die übrigen treten von links hinten auf und formieren sich im Mittelgrund zu einem Halbkreis; ganz links steht der Amtmann, neben ihm Capacho, dann Castrado, ganz rechts Benito. Chanfalla, links, und Chirinos, rechts, richten den Rahmen zwischen sich auf, parallel zur Rampe.)

CHANFALLA: Bitte schön, die Herrschaften. Das Theater ist hinter diesem Vorhang. (Er weist durch den Rahmen nach hinten auf die Zuschauer, dreht den Kopf und derbleckt sie.)

AMTMANN: Señor Montiel soll sein Spiel beginnen.

BENITO (deutet fassungslos auf den Rahmen): Dieser Direktor hat aber wenig Gerät für so ein großes Stück.

JUAN (überheblich): Bei einem echten Wundertheater muß eben alles mit Wundern zugehen.

CHANFALLA: Achtung, Herrschaften. jetzt fang' ich an! Und wohlgemerkt, die Puppen treten in Lebensgröße auf. — (feierlich und beschwörend:) O du, wer du auch gewesen sein magst, der du dieses Spiel mit so wundervoller Kunst erbaut hast, daß es seinen Namen davon erlangt hat: Kraft der Tugend, die du darin verschlossen, beschwöre ich dich, binde dich und gebiete dir, diesen Herrschaften ohne Verzug und sonder Säumnis etliche von deinen wunderbaren Wundern erscheinen zu lassen, auf daß sie sich ergötzen und belustigen — (geschwind und geschäftsmäßig beschwichtigend:) selbstverständlich innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks und der bürgerlichen Sitten. (Marktschreierisch:) Wohlan — ich sehe schon, daß du meinen Ruf erhört hast, denn hier erscheint die Figur des allmächtigen Samson, wie er die Säulen des Künstlerhauses umfaßt, um sie zu Boden zu reißen und sich an seinen Feinden zu rächen. Halt ein, streitbarer Held, halt ein, um Gottes willen, begehe keine solche Freveltat, daß du Haus und Garten einreißt und die große, edle Versammlung hier zu Brei zermalmst!

BENITO: Alle Wetter, haltet ein! (Hält die Hand vors Gesicht) Das wär' ein schöner Spaß, wenn wir, statt Vergnügens halber, hierhergekommen wären, um zu Teig zu werden. Haltet ein, Señor Samson! Ich ersuche Euch im guten! (Nimmt die Hand weg; verblüfft, zu sich:) Verflucht sei mein Pech!

CAPACHO (lauernd): Seht Ihr ihn, Castrado?

JUAN (heftig, wie enttäuscht): Wie sollt' ich ihn denn nicht sehen? Hab' ich denn die Augen am Hintern? (Daumen über die Schulter.)

AMTMANN (erschüttert, langsam): Das ist ein wunderbarer Fall. (Schneller, flehentlich:) Ich seh' ihn auch, ich seh' ihn jetzt, so gut wie den Großtürken. Weiß Gott, ich halte mich auch für ein eheliches Kind und einen alten Christen.

CHIRINOS (schrill): Seht Euch vor, Leute! Der Minotaurus kommt, der schreckliche! Seht ihr seine — (höhnisch:) Hörner? Werft Euch nieder, werft Euch nieder! Gott helf' Euch!

CHANFALLA: Hinwerfen, alle hinwerfen! Vorsicht! Deckung!

(Sie gehen in eine etwas halbherzige Kauerstellung; jeder beobachtet mehr die anderen als den Rahmen.)

BENITO (nicht sehr erschreckt, sondern, um sich selber zu überzeugen): Das Monster hat den Teufel im Leibe. Wenn ich mich nicht ducke, reißt mich das Vieh im Fluge fort.

JUAN (nach kurzer Pause, indem er sich aufrappelt): Herr Direktor, laßt doch nach Möglichkeit keine Figuren auftreten, die uns Angst einjagen. Ich sage es nicht für mich, sondern um der Frauenzimmer willen. Sie haben keinen Tropfen Blut mehr im Leibe — so sehr hat sie dieses Ungetüm erschreckt.

JUANA (sehr geziert): Und wie, Vater! Ich glaube, ich bleibe drei Tage lang besinnungslos. Ich sah mich schon auf seinen Hörnern, so spitz wie eine Schusterahle.

(Nun stehen auch die anderen wieder auf.)

JUAN (mit Wohlgefallen): Du wärst nicht meine Tochter, wenn du's nicht gesehen hättest.

AMTMANN (zu den Zuschauern): Es hilft nichts — sie alle haben's gesehen und ich nicht. Aber schließlich muß ich mich doch sehend stellen von wegen des leidigen Ehrbegriffs.

CHIRINOS (Aufmerksamkeit zurückerobernd): Diese Herde Mäuse, die hier auftritt, stammt in gerader Linie von den Ratzen der Weißgerbergasse ab.

JUANA (unechtes Gezeter): Jesus! Wehe mir! Haltet mich, ich laufe auf und davon! Mäuse? Ich Unglückskind! Freundin, nimm deine Röcke zusammen und sieh' zu, daß sie dich nicht beißen. Und das soll bloß eine Herde sein ? Beim Leben meiner Großmutter, es sind mehr als tausend!

TERESA (noch immer ausdruckslos, ziemlich langsam, den Text aufsagend): Ich bin das Unglückskind, denn sie greifen mich an ohne Gnade. Eine schwarzbraune hängt mir am Knie. Der Himmel sende mir Hilfe, denn auf Erden gibt es keine für mich.

BENITO (greift sich zwischen die Beine und wehrt eine völlig absurde Befürchtung ab): Nur gut, daß ich Kniehosen trage, da kann mir keine Maus beikommen, auch die kleinste nicht.

CHANFALLA (wie in der Mineralwasserwerbung): Dieses Wasser, das wir direkt aus Bad Windsheim beziehen, stammt von der Quelle, die dem Jordan seinen Ursprung gibt. Wenn dieses Wasser einer Frau das Gesicht benetzt, so wird es in blankes Silber verwandelt, und die Männer bekommen goldene Bärte davon. (Schaut sich schlau nach den Zuschauern um.)

JUANA: Hörst du, Freundin? Enthülle das Gesicht, (öffnet die Beine und bildet mit den Händen eine Schale in ihrem Schoß) dann wirst du sehen, wie dir geschieht. (Teresa schaut sie nur an und reagiert nicht. Sie wirft den Kopf in den Nacken und zwitschert:) Oh, welch herrliche Flüssigkeit! Bedeckt Euch, Vater, daß Ihr nicht naß werdet!

JUAN (peinlich berührt): Wir alle bedecken uns, Kind.

BENITO (greift sich ins Kreuz): Das Wasser ist mir den Rücken herabgerieselt bis auf (verschämt) die Hauptschleuse.

CAPACHO (zischend, zu den Zuschauern): Ich bin trockener als ein Bündel Stroh!

AMTMANN (verbittert, zu den Zuschauern): Was zum Teufel mag das sein, daß ich keinen Tropfen verspüre, während alle andern schier ertrinken? Wie, sollte ich unter all diesen ehrlich Geborenen der einzige Bastard sein?

CAPACHO (psalmodierend): Kühl ist das Wasser vom heiligen Jordan. Obgleich ich mich einhüllte, so gut ich konnte, ist mir doch etwas in die Bartspitzen gekommen, und ich wette, sie leuchten wie Gold. (Krabbelt an seinem Geißenbart.)

BENITO (verächtlich): Und noch fünfzigmal schlimmer.

CHIRINOS (mit einer Stimme wie eine Vorturnerin bei der Gymnastik): Jetzt kommen zwei Dutzend reißende Löwen und graue Bären. Alles, was da lebt, sehe sich vor! Obgleich sie Phantome sind, werden sie doch Unheil anrichten und Herkulestaten mit bloßen Schwertern vollführen.

JUAN (mit einem besorgten Blick auf die anderen): Zum Teufel mit Euch, Direktor, wollt Ihr in meinem Garten Löwen und Bären frei herumtollen lassen?

BENITO: Euer Foppinus soll uns Nachtigallen und Lerchen schicken, statt Löwen und Drachen. (Scheinlogisch:) Entweder bringt Ihr uns friedsamere Figuren aufs Tapet, oder wir wollen uns mit den bisherigen begnügen. Aber dann seid Gott befohlen und haltet Euch keinen Augenblick länger in unserem Dorf auf.

JUANA (charmant überredend, mit einer Hand auf seiner Schulter): Señor Benito Repollo, diese Bären und Löwen solltet Ihr wenigstens uns Mädchen gönnen, denn sie machen uns viel Vergnügen.

JUAN: Was ist das, Tochter? Vorhin hast du dich über die Mäuse entsetzt, und jetzt verlangst du Löwen und Bären?

JUANA (verschmitzt, denn sie durchschaut nun alles): Alles Neue hat seinen Reiz, Herr Vater.

CHIRINOS (rasch ablenkend): Dieses Fräulein, das so zierlich und artig auftritt, ist die sogenannte Herodias, deren Tanz dem Vorläufer des Herrn den Kopf gekostet hat. Wenn sie einen Tänzer hätte, so solltet ihr Wunder sehen.

BENITO (allmählich glaubt er selbst, daß er etwas sieht): Schaut euch die an! Donnerwetter, was für eine hübsche, angenehme, blitzsaubere Gestalt! Sapperment, wie sich die Kleine zu drehen weiß!

(Die Souffleurin bläst in eine quäkige Kindertrompete, und mit militärischem Schritt tritt der Quartiermacher von rechts aus dem Publikum auf und stellt sich zwischen Benito und den Rahmen. Benito, aus seiner Illusion gerissen, stiert ihn böse an.)

QUARTIERMACHER [Peter Woitas]: Wer ist hier der Herr Amtmann?

AMTMANN: Ich bin's. (Der Quartiermacher überquert nach einer Vierteldrehung nach links mit schnellen Schritten die Bühne und pflanzt sich vor dem Amtmann auf. Dieser, beflissen:) Was befiehlt Euer Gnaden?

QUARTIERMACHER: Ihr müßt auf der Stelle Quartier für dreißig Reiter beschaffen, die in einer halben Stunde nachkommen werden, oder auch früher, denn man hört schon die Trompete. Gott befohlen. (Quartiermacher nach links hinten ab.)

BENITO (findet wieder in seine MitspielerRolle): Haha, Señor Montiel, uns legt Ihr nicht herein! Ich wette, die dreißig Reiter sind vom weisen Foppinus abgeschickt. (Gutmütig mit den Zeigefinder drohend:) Doch was zuviel ist, ist zuviel!

CHANFALLA (ernüchtert; er und Chirinos lassen den Rahmen sinken): Nein, nein, bestimmt nicht. Es ist eine ReiterKompagnie, die zwei Meilen von hier Quartier bezogen hatte.

BENITO (bauernschlau; er ahnt jetzt auch etwas und will das Beste aus der Situation machen): Ach, was! Ich kenn' den Foppinus, und Euch auch. Ihr seid die größten Schurken von der Welt. Hört zu, was ich Euch sage: Richtet Eurem Foppinus aus, er soll sich nicht unterstehen, diese Reiter zu schicken, oder ich werde ihnen Mann für Mann ein paar hundert Hiebe auf den Rücken zählen lassen.

CHANFALLA (demütig): Aber, Señor Bürgermeister, ich sage ja, es ist nicht Foppinus, der sie schickt.

BENITO (autoritär): Und ich sage, Foppinus schickt sie, wie das andere Ungeziefer, das ich gesehen habe.

CAPACHO (auf Nummer Sicher): Wir alle haben es gesehen, Señor Benito Repollo.

BENITO (vergnügt, jetzt hat er Oberwasser): Ich sage ja nicht das Gegenteil, Señor Pedro Capacho.

(Der Quartiermacher kommt von links hinten zurück und stellt sich bei dem Amtmann auf.)

QUARTIERMACHER: Nun, sind die Quartiere bereit? Die Reiter halten schon im Dorf.

BENITO (verwirrt, dann erzürnt): Also hat's der Foppinus doch durchgesetzt? Wartet nur, Ihr Gaukeldirektor, Ihr sollt mir's bezahlen. (Verläßt seinen Platz und geht langsam auf Chanfalla zu.)

CHANFALLA (mit abwehrender Gebärde): Ich rufe euch zu Zeugen auf, daß der Bürgermeister mir droht.

CHIRINOS (keifend): Ich rufe euch zu Zeugen auf, daß der Bürgermeister die Truppen Seiner Majestät als Hirngespinste des weisen Foppinus bezeichnet hat.

BENITO (wendet sich zu Chirinos): Ich will dich gleich foppiniert sehen!

AMTMANN (nüchtern, sogar etwas ängstlich): Ich für meine Person bin der Ansicht, daß diese Reiter kein bloßer Spaß sind.

QUARTIERMACHER: Ein Spaß sollen sie sein, Señor Amtmann? Seid Ihr von Sinnen?

JUAN (schlau): Sie könnten am Ende doch foppinisch sein, wie die anderen Wunderdinge auch. Ich bitte Euch, Direktor, laßt noch einmal das Fräulein Herodias auftreten, damit dieser Herr etwas sieht, was er in seinem Leben nicht gesehen hat. (Bühnengeflüster zu den Männern vom Dorf:) Vielleicht können wir ihn damit unter Druck setzen, daß er den Ort wieder räumt.

CHANFALLA (hat's begriffen; geschäftsmäßig): Schön. (Er und Chirinos nehmen den Rahmen wieder hoch. Dann schwärmt er:) Seht, da ist sie wieder und winkt ihrem Tänzer, er solle sie begleiten. (Winkt dem Quartiermacher, er solle näher vor den Rahmen treten. Dieser gehorcht unwillkürlich.)

BENITO: Nur zu, Herr Soldat! Tanzt mit ihr. (Packt den Quartiermacher am Oberarm und versucht, ihn zum Tanz zu nötigen.) Einen Dreher, und noch einen! Bei Gott, das Mädel ist von Quecksilber. Munter, munter!

QUARTIERMACHER (reißt sich los): Ist denn das Volk verrückt? Was zum Teufel ist mit diesem Fräulein und mit diesem Tanz und mit diesem Foppinus?

CAPACHO (inquisitorisch): Also sieht der Herr Quartiermacher das herodianische Fräulein gar nicht?

QUARTIERMACHER: Was für ein Fräulein soll ich sehen, zum Teufel ?

CAPACHO (mit biblischer Emphase): Wahrlich, du bist auch einer von denen...!

AMTMANN (erleichtert): Du bist auch einer von denen!

JUAN (drohend): Er ist einer von denen, Herr Quartiermacher, einer von denen!

QUARTIERMACHER: Den Teufel bin ich einer! So wahr Gott lebt, wenn ich Hand an den Degen lege, so sollt ihr mir auf die Bäume springen!

CAPACHO (mit einem triumphierenden Seitenblick auf Juan, worauf alle Männer den Ring um den Quartiermacher enger machen, während sich die Mädchen Hand in Hand in den Hintergrund verziehen, Chanfalla und Chirinos samt Rahmen ganz nach rechts schleichen): Basta, du bist einer von denen!

BENITO (ruhig und sicher): Basta, er ist einer von denen, denn er sieht nichts.

QUARTIERMACHER (legt die Hand an den Degenknauf): Infames Zivilistenpack! Wenn ihr noch einmal sagt, ich sei einer von denen, so laß ich euch keinen einzigen Knochen heil!

BENITO (gibt mit überlegener Deutungsgeste den Kern der Sache bekannt): Heiden und Bastarde haben noch niemals Mut gehabt, drum lassen wir uns das Maul nicht verbieten. Er ist einer, er ist einer!

QUARTIERMACHER (brüllt im Gefühl verletzter Ehre): Verruchtes Bauerngesindel, wartet!

(Er zieht Säbel samt  Scheide und schwingt ihn bedrohlich über den Köpfen. Sie ducken sich, wenden sich mit Abwehrgebärden um und fliehen alle hinaus, zuerst die Mädchen, zuletzt Capacho, der ein paarmal ungeschickt ausweicht und scheinbar Schläge abbekommt. Chanfalla und Chirinos bleiben allein zurück)

CHIRINOS (diabolisch): Der Teufel hat uns die Trompete und die Reiter auf den Hals geschickt. Die hätten nicht gerufener kommen können.

CHANFALLA (gelassen, etwas ironisch): Der Erfolg war außerordentlich. Das Theater hat seine Tugend bewährt, und wir können es morgen dem ganzen Dorf vorführen. Der Sieg gehört uns, und unser Triumphlied soll lauten: Chirinos und Chanfalla — sie leben hoch!

Sie lächeln bieder ins Publikum, treten zum Applaus in die Mitte, Chanfalla verbeugt sich, Chirinos macht einen artigen Knicks nach dem andern. Die anderen schleichen herein, treten in einer Reihe hinter sie und hören nicht auf, belämmert zu schauen. Am Ende treibt der Quartiermacher alle, nun aber auf freundliche Weise, aus der Sicht .