Heimo Cerny

Ister-Clio und Silvano

Catharina Regina von Greiffenbergs und Sigmund von Birkens Innigfreundschaft"

Im 350. Bestandsjahr des Pegnesischen Blumenordens jährt sich auch zum 300.Mal der Todestag der bedeutendsten Barockdichterin deutscher Zunge Catharina Regina von Greiffenberg (1633-1694). Das Zusammentreffen beider Gedenktermine -- eine sinnige Laune des Zufalls -- bietet willkommenen Anlaß, den Blick auf eine außergewöhnlich gut dokumentierte Dichterfreundschaft des 17. Jahrhunderts zu richten. Gemeint ist die zwei Jahrzehnte lang währende Innigfreundschaft" zwischen der in Niederösterreich beheimateten geistlichen Lyrikerin und ihrem Lektor und Protektor Sigmund von Birken im 400 km entfernten Nürnberg. Die gesamte Greiffenberg-Korrespondenz (ca. 200 Briefe) befindet sich im Archiv des Pegnesischen Ordens und wird demnächst im Rahmen der bereits angelaufenen Editionsreihe Sigmund von Birken. Werke und Korrespondenz" (herausgegeben von Dietrich Jöns und Hartmut Laufhütte) erstmals in vollem Umfang publiziert werden.

Freiin Catharina Regina von Greiffenberg wurde am 7. September 1633 auf Schloß Seisenegg bei Amstetten -- unweit der Donau -- in die typische Welt des niederösterreichischen Landadels hineingeboren. Gleich den meisten Angehörigen ihres Standes hielten auch die Greiffenberg zum lutherischen Glauben, wodurch sie den religionspolitischen Repressalien der Gegenreformation im katholischen Habsburgerstaat ausgeliefert waren. Die Biographie Catharinas wurde dadurch weitgehend bestimmt und nachhaltig beeinträchtigt. Wie alle ihre Glaubensgenossen stand auch sie schließlich vor der schmerzlichen Entscheidung: Konversion oder Emigration! Sie hat als unbeugsame Patriotin bis zum äußersten ausgeharrt und erst als eine der letzten ihre Heimat verlassen.

Catharinas literarische Anfänge wurzeln in der nachsommerlichen Spätphase einer noch eigenständigen protestantischen Adelskultur in Niederösterreich. Ihr Mentor war der weithin bekannte Übersetzer spanischer und französischer Schäferromane, der auf der Schallaburg bei Melk ansässige Johann Wilhelm von Stubenberg. Dieser stand mit Harsdörffer und Birken in lebhaftem Briefwechsel und hat auch seine Freunde mit diesen wichtigen Repräsentanten der deutschen Literaturszene zusammengeführt. Die besondere Art der Nürnberger Sprachpflege, die Vorliebe für Emblematik, Wortspiel und Klangmalerei fand in der niederösterreichischen Adelsschriftstellerei ihren Niederschlag. Als Pflegestätte der Schäferdichtung war der Pegnesische Blumenorden zu einer Verbindung mit dem literarisch produktiven Kreis der niederösterreichischen Edelleute bestens disponiert. Hiezu trug auch der Umstand bei, daß ein beträchtlicher Teil bereits emigrierter Standesgenossen die religionstolerante Reichsstadt als Zufluchtsort gewählt hatte.

Zu Ostern 1660 kam es über Stubenbergs Vermittlung in Nürnberg zur ersten Begegnung der 27jährigen Catharina von Greiffenberg mit Birken, dem einflußreichen Manager im Reich der Poesie. Sie muß faszinierend auf ihn gewirkt haben, und er macht aus seiner Bewunderung für sie kein Hehl: Diese Dame, ist wohl ein Wunder unsrer Zeit. Die Schönheit und Holdseeligkeit, wiewol sie in diesem Stuck wenig ihres gleichen hat, ist ihr geringster Ruhm: weil solche durch Geistes Schönheit, wie der Mond von der Sonne überglänzet wird. In ihren sitten ist nichts dann Adel: und welches das seltsamste, ohn alle Eitelkeit. Ihr Gedächtnis, von der Vielbelesenheit erfüllet, und mit dem reifesten Urtheil allemal vergesellschaftet, machet sie höchst redseeligt. Ihr Verstand sehet allen sachen auf den grund und sezet sein Aug in den Mitteldupf, alle ümstände auf einmal zu überschauen. Birken erkannte in ihr spontan die echte Künstlerin. Ab sofort lektorierte er ihre Gedichte, verschaffte ihr einen Verleger und übernahm bis an sein Lebensende die Redaktion ihrer sämtlichen Werke.

Im Jahre 1662 erscheint bei Endter in Nürnberg Catharinas Erstlingswerk, die Sammlung Geistliche Sonnette/ Lieder und Gedichte/ zu Gottseeligem Zeitvertreib. In einer von Birken verfaßten Vor-Ansprache zum edlen Leser wird die bislang unbekannte Autorin als "Teutsche Uranie" vorgestellt. Von diesem Zeitpunkt an entspinnt sich ein intensiver Briefwechsel zwischen den beiden, in welchem Catharina ihren Partner stets als "Innigfreund" anspricht, damit bewußt rein geistige Affinität ausdrückend. Birken seinerseits respektiert diese "Innigfreundschaft" und akzeptiert sie in ihrem religiösen Ernst, in auffälligem Gegensatz zu den ansonsten von ihm gepflogenen Galanterien mit den Pegnitzschäferinnen. In seinen Tagebüchern -- seine an Catharina gerichteten Briefe sind leider nicht erhalten -- scheint die ferne Freundin vorzugsweise als "illustra" oder "illustrissima Uranie" auf.

Catharina Regina von Greiffenberg stand in Niederösterreich als "Ister-Nymphe" im Zentrum der etwas rätselhaften und nur fragmentarisch faßbaren "Ister- Gesellschaft" (abgeleitet von "Ister", d.i. die antike Bezeichnung für die Donau). Es handelte sich dabei um einen poetisch-arkadischen Zirkel kunstsinniger Edelleute, die einander in lockerer Vereinigung zur Pflege kultureller und gesellschaftlicher Kontakte trafen. Die Vorbildwirkung der Sprach- und Dichtergesellschaften Deutschlands, vor allem des Pegnesischen Blumenordens, ist evident.

Einen eigenen Kreis innerhalb der Istergesellschaft bildeten die "Ister-Nymphen", unter denen die Greiffenberg als "Ister-Clio" eine dominierende Rolle gespielt hat. Zu den engsten Vertrauten -- meist sieben an der Zahl --, die wiederholt auf Seisenegg zusammentrafen, zählten zwei Gräfinnen Zinzendorff, eine Gräfin Ranzau sowie eine Frau von Laßberg als "Dora". Eine "Isidora" läßt sich als Maria Katharina Hede, die spätere Gattin des Nürnberger Superintendenten Heinrich Arnold Stockfleth, nachweisen. Auch eine "Iris" und "Helliclora" werden erwähnt, deren Identitäten jedoch unbekannt bleiben. Schließlich ist noch "Isis" zu nennen, die -- als Susanna Priefer bürgerlicher Herkunft -- mit Catharina Regina zusammen auf Seisenegg aufgewachsen war. Sie wanderte frühzeitig nach Nürnberg aus und heiratete dort den angesehenen Weinhändler Georg Popp, in dessen Wirtshaus am Obstmarkt auch Birken häufig einkehrte. Die erwähnten Frauen -- adelige und bürgerliche -- bildeten zusammen mit Clio/Catharina den letzten Rest jener einst über ganz Niederösterreich und Wien verbreiteten Istergesellschaft, die durch zunehmende Emigration der meisten Mitglieder schließlich auf den kleinen Seisenegger Kreis zusammenschmolz.

Das Renaissanceschloß Seisenegg hat für die geselligen Zusammenkünfte der Isternymphen einen äußerst dekorativen Rahmen geboten: Man lustwandelte vor der Kulisse einer treppenförmig ansteigenden Gartenanlage mit idyllischem Teich und konnte sich disputierend in eine von Ginster und Jasmin überwucherte "Grotta" -- eine Art Eremitage -- zurückziehen. Das bukolische Ambiente inszenierte man offensichtlich nach den Nürnberger Vorbildern, wie dem Poetenwäldchen an der Kleinweidenmühle oder dem Irrhain bei Kraftshof. Mögen somit die äußeren Komponenten der verspielten Nürnberger Schäfermode verpflichtet gewesen sein, so waren die inneren Beweggründe dieser Zusammenkünfte doch grundsätzlich anderer Natur. Der Kreis war -- sieht man von Catharina ab -- kaum literarisch produktiv, sondern hatte den Charakter eines ästhetisch-religiösen Konventikels, in dem sensible Gemüter Trost und Zuflucht vor einer unabänderlichen politischen Realität suchten und vorübergehend auch finden mochten. In der Begegnung mit Gleichgesinnten und Gleichgestimmten pflegte man gottseligen Zeitvertreib" im Austausch religiöser Erfahrungen und vollzog über das Medium des Buches eine Art innere Emigration. Ein Beispiel für das pastorale Ritual, mit welchem die Isternymphen einander begegneten, bietet das aus Catharinas Feder stammende emblematische Gesprächsspiel Tugend-Übung Sieben Lustwehlender Schäferinnen, das um 1660 entstanden sein dürfte. Als Vorbild für derlei gesellige Exerzitien sind unschwer Harsdörffers Frauenzimmer-Gesprechspiele zu erkennen. Trotzdem bleibt Catharinas Verhältnis zur Schäferdichtung ambivalent. Ist auf der einen Seite eine totale Ablehnung des weltlichen Inhalts der Schäferdichtung festzustellen, so bleibt auf der anderen Seite die Aneignung von deren Form. Mit anderen Worten: es herrscht die Tendenz, christliche Meditation schäferlich einzufärben.

Selbstverständlich war die Greiffenberg bestrebt, ihren "Innigfreund" in den Kreis der Isternymphen einzuführen. Zweimal -- im Sommer 1666 und im Frühjahr 1667 -- erging an Birken die dringliche Einladung, nach Seisenegg zu kommen. Dort sei der "Isterfluß willens Ihme zu Krönen, und zu dem Ende giest Er frischen Safft in seine Strandgestreüche, daß Sie den wehrten Floridan in der Flor-Zeit bekränzen". Der vielbeschäftigte und oft kränkelnde Birken scheute jedoch die Strapazen einer so weiten Reise und den damit verbundenen Zeitverlust. Daher hat Catharina/Clio ihn in absentia zum "Groß-Hirten" der Isternymphen kooptiert und ihm den Gesellschaftsnamen "Silvano" übertragen, womit sie ihn fortan in ihren Briefen tituliert.

Trotz des aufkeimenden Ansehens und des Erfolgs ihrer von Birken redigierten, in Nürnberg verlegten Andächtigen Betrachtungen verlief ihr weiteres Leben wenig glücklich. Ihr Schaffensprozeß wurde immer wieder durch mancherlei Widerwärtigkeiten und seelisches Leid irritiert und gehemmt. Die gegen ihren Willen 1664 geschlossene Ehe mit dem um 30 Jahre älteren Stiefonkel Hans Rudolph, die wiederholten Angriffe auf ihre Glaubensüberzeugung, der wirtschaftliche Ruin durch den entschädigungslosen Verlust aller Besitzungen in der österreichischen Heimat sowie häufige Krankheiten verdüsterten ihr Leben. Einziger Trost in diesen kummervollen Jahren zunehmender Isolation auf Seisenegg blieb der Briefwechsel mit Birken/Silvano. Catharina bedarf dieser intensiven Korrespondenz mit dem "Innigfreund", um ihre "Sorgen Auf Ihm Abzubürden". Ausdrücklich bekennt sie: Es müssen nicht Allezeit gelehrte und hohe Briefe seyn, wann Sie nur Verträulich und Treuherzig seyn; herz gutt, Alles gutt!

Nach ihres Gatten frühem Tod (1677) faßte sie endlich den Entschluß zur Emigration. Sie wünschte sich für ihren Lebensabend "ein ruhig Schäferhüttlein an der Pegnitz" und erklärte sich "mit allem vergnüget, was Jesus Mir füget". Selbstverständlich war ihr Birken bei der Suche nach einer standesgemäßen Wohnung behilflich. Ende 1679 übersiedelte sie für immer nach Nürnberg und bezog -- nur wenige Schritte von ihrem Freund entfernt -- im St.Egidienhof einen bescheidenen Witwensitz. Verwunderlich bleibt der Umstand, daß die Ister-Clio bei den Pegnitzschäfern keine Aufnahme gefunden hat. Welche Hemmnisse hier im Spiel waren, darüber geben weder Catharinas Briefe noch Birkens Tagebucheintragungen Aufschluß. Daß der "Innigfreund" bereits zwei Jahre nach Catharinas Ansiedlung in Nürnberg verstorben ist, war für die ohnedies schon leidgeprüfte Frau ein neuer, schwer zu verwindender Schicksalsschlag!

Die zu Lebzeiten stets als kostbares Gut gehütete "Innigfreundschaft" will Catharina Regina von Greiffenberg auch in der ewigen Verklärung nicht missen, wo sie sie aufgrund ihrer Glaubensgewißheit in endgültig geläuterter Form aufgehoben weiß. In der 9. "Betrachtung Des Allerheiligisten Lebens JESU Christi" führt sie 1693, ein Jahr vor ihrem Tod, aus: Die überirrdische Jnnig-Freundschafft wird da so süß als unschuldig seyn/ sie wird zwey wettende Meer von Lieblichkeit und Reinigkeit haben! einen Himmel voll Freud-Wolken voll Jnnigkeits-Ubergänge/ und unaussprechlicher Süssigkeiten heegen. Die feurigsten Begierden werden gantz rein und unschuldig seyn/ aber die aller kühleste Keuschheit wird nicht hindern/ daß alles voll Flammen und Flügel ist.

Literatur:

Horst Joachim FRANK, Catharina Regina von Greiffenberg. Untersuchungen zu ihrer Persönlichkeit und Sonettdichtung (Dissertation, Hamburg 1957).
Joachim KRÖLL, Catharina Regina von Greiffenberg. In: Fränkische Lebensbilder, Band 10 (1982).
Heimo CERNY, Catharina Regina von Greiffenberg. Herkunft, Leben und Werk der größten deutschen Barockdichterin (Amstetten 1983).
Louise GNÄDINGER, Ister-Clio, Teutsche Uranie, Coris die Tapfere Catharina Regina von Greiffenberg. Ein Porträt. In: Deutsche Literatur von Frauen, hg.von Gisela Brinker-Gabler (München 1988).

Pastellbildnis der Catharina Regina von Greiffenberg
Original 50x40 cm,
1986 in Schloß Seisenegg aufgefunden von Dr. Heimo Cerny
Bundesdenkmalamt Wien Nr. W 7563