Ernst Rohmer

Johann Klaj in Kitzingen

 

Bohemien oder Pastor orthodoxus?

Johann Klaj ist neben Georg Philipp Harsdörffer und Sigmund von Birken wohl der wichtigste Autor in den Gründungsjahren des Pegnesischen Blumenordens gewesen. Seine "Redeoratorien" sind Ausnahmeerscheinungen in der Literatur dieser Zeit und von Conrad Wiedemann schon in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts entsprechend gewürdigt worden.1 Nach dieser großen Leistung, die Klaj gesellschaftliche Anerkennung und materielle Unterstützung einbrachte, glitt er in eine bohemienhafte Lebensweise ab. Jedenfalls entnehmen das Klajs Biographen einem Brief Harsdörffers an Birken vom 4. 7. 1646, in dem es heißt: Clajus quondam noster, amissa conditione in publico hospitio agit, si Musas habet faventes, ille non calamum in mentem (q. de Arte fertur) sed in cerevisiam infundit, et artem tamquam mercenariam prostituit. Accepit litteras a Ristio, Colero, Pippenbergio, sed dum bibit, silet, dum non bibit, dormit. Varia coepit, per supinam a oscitantiam nihil plane perfecit. 2 Schließlich begann er wohl auch zu kränkeln. Aus diesem vermeintlichen Tief riß ihn erst wieder der Trubel der Friedensfeiern, zu denen er poetische Beiträge und Beschreibungen lieferte. Der Wechsel in eine Pfarrstelle nach Kitzingen zu Beginn des Jahres 1651 setzte der literarischen Produktion schließlich ein Ende, ohne daß Klaj in seinem Beruf recht glücklich geworden zu sein scheint. Denn schon ein Zeitgenosse, der Segnitzer Pfarrer Bartholomäus Dietwar, notierte in seinen Aufzeichnungen, daß die evangelische Bürgerschaft übel zufrieden" gewesen sei; Klaj sei ein stolzer und prächtiger Mann, dem es nur um große Besoldung zu thun war, aber sich sein Amt sauer werden zu lassen, war er nicht gewillt."3 Dietwar berichtet auch, Klaj habe im Oktober 1651 einen ersten, leichten Schlaganfall erlitten, der ihn für den Rest des Jahres am Predigen hinderte. Kuraufenthalte in einem Sauerbrunnen wurden nötig, brachten ihm aber wohl nicht mehr die frühere Gesundheit zurück, denn am 16. Februar 1656 verlief ein weiterer Schlaganfall tödlich.

Klajs Jahre in Kitzingen sind von Albin Franz unter Auswertung mehrerer heute verlorener Briefe Klajs und der die Pfarrstelle betreffenden Archivalien in Würzburg bündig dargestellt worden, wobei er wie alle Biographen nach ihm dem Umstand Rechnung trug, daß Klaj als Literat ab seinem Weggang nach Kitzingen nicht mehr weiter in Erscheinung getreten war. Die Umstände seines Wechsels nach Kitzingen und seine Situation dort blieben -- sieht man von den von Franz mitgeteilten Fakten und Ereignissen ab -- weitgehend im dunkeln. Er scheint nicht gerade in üppigen Verhältnissen gelebt zu haben, denn Dilherr hat ihn von Nürnberg aus finanziell unterstützt.4 Wenn zudem die wenigen Äußerungen über Klaj, die sich im Archiv des Pegnesischen Blumenordens bezüglich dieser Zeit erhalten haben, nahelegen, seine Bekannten hätten ihm die Übersiedelung in das vom Wein gesegnete Land gegönnt5, dann scheint das alles für die Charakterisierung Klajs als eines Poeten zu sprechen, der an bürgerlichen Tugenden nicht gerade reich gewesen zu sein scheint"6, und dessen -- durch seine Existenz am Rand der Gesellschaft ohnehin immer schon gefährdete -- poetische Potenz mit dem Wechsel in einen bürgerlichen Beruf verloren gegangen sei. Andererseits aber wäre er demnach durch die Phase einer dichterischen Existenz für ein in geordneten Bahnen verlaufendes bürgerliches Leben und Wirtschaften verdorben gewesen. Genau besehen, spricht aber eigentlich wenig dafür, daß Klajs Leben ausschließlich in der von Harsdörffer kritisierten Weise verlief. Immerhin war er zum Zeitpunkt von Harsdörffers Klage schon Lehrer an der Lateinschule von St. Sebald. Er unterrichtete dort als 'Tertius'. Da seit 1624 die Schule in 8 Klassen geteilt war, läßt das nur auf seinen Rang innerhalb des Kollegiums schließen, nicht aber auf seine Aufgaben im Unterricht, denn die Schulordnungen beschreiben die Stoffverteilung jeweils nur für vier Klassen7. Zudem konnte er am 25. 9. 1648 Maria Elisabeth Rhumelius, die vermögende Tochter eines Mediziners, heiraten. Was Wiedemann als die entschlossene Umorganisation seiner Lebensverhältnisse"8 bezeichnet, waren übliche Schritte im Lebensvollzug eines Theologiestudenten auf dem Weg zwischen Studium und endgültiger Anstellung.9 Die Kritik Harsdörffers zielt also wohl weniger auf einen Bohemien als auf einen Pegnitzschäfer, der den Idealen eines durch Bildung geadelten und zur Tugend geführten Menschen nicht entsprechen wollte. Denn daß der exzessive Gebrauch von Alkohol nicht grundsätzlich sozial deklassierend wirken mußte, belegt eindrucksvoll Sigmund von Birken, dessen große Ausgaben für Bier und Branntwein von ihm selbst in seinen Tagebüchern dokumentiert sind.10

Verzichtet man auf die Beschreibung Klajs als eines verbummelten Studenten, liegt es nahe, auch eine Neubewertung seiner Zeit in Kitzingen vorzunehmen und danach zu fragen, welche Situation Klaj in der Gemeinde und für sich selbst vorgefunden hat. Da entsprechende Lebenszeugnisse aber fehlen oder verloren gegangen sind, läßt sich dies nur über eine Analyse des historischen Kontextes erschließen.

Die Besetzung einer evangelischen Pfarrstelle in Kitzingen und die Nutzung der Kirche in der Kitzinger Vorstadt Etwashausen waren im Zuge eines vom Bischof von Würzburg, Johann Philipp von Schönborn, gewährten Gnadenvertrags vom 17. 12. 1650 möglich geworden.11 Dieser Gnadenvertrag war -- wie es im Protokoll dazu heißt -- auf Drängen und Bitten der evangelischen Bürger Kitzingens zustandegekommen, die damit auch eine über die Bestimmungen des Westfälischen Friedens hinausgehende Vereinbarung zwischen dem Bischof und General Wrangel aus dem Jahre 1647 wieder in Geltung setzen wollten. Schon damals habe Wrangel nämlich -- wie die Evangelischen behaupteten -- das Recht der Nutzung der bis dahin als Scheune genutzten Kirche in Etwashausen erreicht, während die Katholiken diese Auffassung als Mißverständnis bezeichneten und behaupteten, es sei das nur wenig entfernte Sickershausen gemeint gewesen.12 Auch stellt der Vertrag keinen einzigartigen Fall dar, denn wenige Wochen vorher war ein ähnlicher mit den sieben ehemals markgräflichen evangelischen Gemeinden um Kitzingen herum geschlossen worden.13 Vielmehr rechtfertigt der Hinweis auf den Wunsch der Gemeinde die bischöfliche Forderung nach der Zahlung von 8000 Gulden, für die die Kitzinger Gemeinde den Markgrafen von Ansbach gewinnen wollte. Dieser Gnadenvertrag aber hat eine Vorgeschichte, die in das Verhältnis der Kitzinger Gemeinde zu ihrem Pfarrherrn hineinwirkte. Die Stadt Kitzingen war bis zum Beginn des 30jährigen Krieges Pfand für ein Darlehen, das Brandenburg-Ansbach dem Würzburger Bischof im 15. Jahrhundert gewährt hatte. Im Jahr 1626, also zur Zeit der Vormundschaftsregierung der Markgräfinwitwe Sophia und ihres Bruders Friedrich von Solms von 1625 bis 1639, erklärte Würzburg seine Absicht, das Pfand durch Zahlung von 39100 Goldgulden einlösen zu wollen. Es kam zu einem Gerichtsverfahren, in dem Ansbach mit dem kaiserlichen Urteil vom 29 . 5 . 1628 unterlag. Die Rückgabe erfolgte entsprechend im Januar 1629. Beim Friedensschluß 1648 wurden allerdings die aus der Einlösung von Pfandschaften während des Krieges herrührenden Fragen, darunter auch ausdrücklich die Streitigkeiten zwischen Ansbach und Würzburg, auf die nachfolgenden Friedensverhandlungen verschoben. Die evangelische Bevölkerung in Kitzingen konnte also darauf hoffen, daß der im Friedensschluß festgeschriebene status quo des Jahres 1624 ihnen die freie Religionsausübung ermöglichen würde. Nach Artikel V, 31 des Osnabrücker Vertrages mußten sie jedoch vorerst mit der Möglichkeit zufrieden sein, in benachbarten evangelischen Orten den Gottesdienst besuchen zu können.14 Andererseits verbanden sich mit der vorgesehenen Überprüfung der Pfandeinlösung und der damit verknüpften Frage, ob Ansbach zur Zeit der Pfandübernahme schon im Besitz eines Teils der Stadt gewesen sei und deshalb zumindest ein partielles Besitzrecht an Kitzingen habe, Hoffnungen auf die Feststellung der Rechtmäßigkeit der Reformation und damit auf die Nutzung von Stiftungen und Pfründen zur Finanzierung des kirchlichen Lebens. Unabhängig aber von der endgültigen Entscheidung in diesem Streit lag den Protestanten in Kitzingen wohl vorrangig an der Feststellung, daß sie sich mit Recht zum evangelischen Glauben bekannten und daran auch nicht gehindert werden durften. Es ist davon auszugehen, daß seit der Unterzeichnung des Friedensrezesses in Nürnberg im Juni 1650 Verhandlungen mit dem Bischof geführt wurden, da die Streitfrage zwischen Ansbach und Würzburg offen geblieben war und -- das zeichnete sich zum Jahresende ab -- wohl innerhalb der gesetzten Frist nicht mehr entschieden werden würde. Die Bedingungen, unter denen die Kitzinger einen Pfarrer würden unterhalten dürfen, werden sich im Herbst des Jahres 1650 präzisiert haben, so daß dann noch vor dem offiziellen Vertragsabschluß eine Anfrage nach Nürnberg wegen eines geeigneten Pfarrers erfolgen konnte. In der Tat fanden ja die entscheidenden Verhandlungen zum Gnadenvertrag und die diesbezüglichen Beratungen im Nürnberger Rat, bei denen Dilherrs Vorschlag, Klaj nach Kitzingen zu empfehlen, befürwortet wurde, am selben Tag, nämlich dem 16. Dezember 1650 statt.
Aus der Tatsache, daß zu Ende des Jahres 1650 die Frage der Rechte Ansbachs an Kitzingen noch nicht entschieden war, erklärt sich aber, warum im Gnadenvertrag ausdrücklich geboten wird, den Pfarrer nicht aus dem brandenburgischen Territorium, sondern aus Sachsen oder Nürnberg kommen zu lassen. Ausgeschlossen war damit natürlich auch die Rückkehr der Seelsorger aus brandenburgischer Zeit, darunter die des Bartholomäus Dietwar, eine Tatsache, die ein besonderes Licht auf dessen erstes, abschätziges Urteil über Klaj wirft.

Klaj, der neben seinem theologischen Examen und der Ordination in Altdorf auch noch eine Prüfung und den Amtseid beim Würzburger Bischof ableisten mußte, war also zwar der ersehnte erste Pfarrer der evangelischen Kitzinger nach dem 30jährigen Krieg. Er war aber gegen die Interessen der Gemeinde zur Loyalität dem Bischof gegenüber verpflichtet und wohl auch zur Aufsässigkeit nicht sonderlich bereit. Jedenfalls spricht alles, was man über sein Verhältnis zum Bischof weiß, nicht für Mißbilligung durch seinen Dienstherrn. Andererseits gibt es Punkte, aus denen sich die Unzufriedenheit der Evangelischen ablesen läßt. So scheint ein erheblicher Teil der Gemeinde weiterhin den Gottesdienst in Sickershausen aufgesucht zu haben. Erst als man Johann Conrad Wolffart, der bis dahin 19 Jahre Kaplan in Mainbernheim gewesen war, aber aufgrund seiner Herkunft rege Beziehungen nach Kitzingen unterhielt, mit der Zustimmung des Bischofs Klaj zum Adjunkten beiordnete, scheint dieser Zustand ein Ende gefunden zu haben. Aus Dietwars Kommentar zu Wolffarts Anstellung in Kitzingen läßt sich aber auch ablesen, durch welche Erwartungen das Verhältnis der Gemeinde zu ihren Seelsorgern belastet war. Dietwar, der in markgräflichen Diensten stand, warf Wolffart vor -- und damit nimmt er wohl ein Argument der Evangelischen insgesamt auf --, daß er sich in Mainbernheim gegen die, von Klaj mitgetragene, katholische Kalenderreform gewandt habe, nun er aber in Amt und Würden in Kitzingen komme, dieses bischöfliche Diktat akzeptiere.15

Die von Dietwar angedeuteten persönlichen Verhältnisse des Wolffart sind aber auch aufschlußreich für die persönliche Situation Klajs und seiner Familie. Denn sie können verständlich machen, warum dieser auch bei normaler Haushaltführung weiterhin zumindest zeitweilig auf Unterstützung von außen angewiesen war. Zwar hatte man ihm im Zusammenhang mit der Einsetzung Wolffarts eine höhere Besoldung zugestanden,16 aber das ist ja nur dann einsichtig, wenn die Gemeinde von deren Notwendigkeit überzeugt war. Dietwars Bericht gibt hier einen guten Anhaltspunkt zur Rekonstruktion der Lebensbedingungen. Aus ihm geht nämlich hervor, daß der Unterhalt eines Pfarrers sich aus mehreren, verschiedenartigen Einnahmequellen zusammensetzte. Neben dem festen Gehalt der Stelle und den Einnahmen aus der mit der Pfarrstelle verbundenen Pfründe standen die Gebühren aus den Kasualien zu Buche. Einen beträchtlichen Anteil am Lebensunterhalt hatten aber auch die Einkünfte aus dem privaten Besitz des Pfarrherrn. Nur vereinzelt spricht Dietwar von Leistungen seiner Gemeindemitglieder oder der Kirchenherren in Form von Naturalien. So setzten sich Dietwars Einkünfte im Jahr 1652 zusammen aus 194 fl. 10 Btz. 4 Pf. für den verkauften Wein (etwa die Hälfte der Menge kam dabei aus seinem privaten Weinberg), 16 fl. 5 Btz. 5 Pf. für Getreide, 25 fl. 4 Btz. Accidentien (Gebühren aus Kasualien), 6 fl. Gebühren von nicht zur Gemeinde gehörigen Gläubigen (Beichtpfennig), 15 fl. 9 Btz. 'Neujahrsverehrung' und 60 fl. Besoldung. Die Summe ist 318 fl. 1 Btz. Das heißt, daß nur ein knappes Fünftel der Einnahmen dieses Jahres feststand. Zwei Drittel des Einkommens dagegen waren von der Ernte abhängig und unterlagen somit den erheblichen Preisschwankungen auf dem Markt. Da die Besoldung von 60 fl. unverändert blieb, bildete der Erlös aus eigener landwirtschaftlicher Produktion also ein gutes Mittel, die Schwankungen der Preise auszugleichen. So bewegen sich die Einnahmen zwischen 100 fl. 13 1/2 Btz. (1650) und 330 fl. (1655), wobei sich des öfteren an die Endrechnung unabhängig von ihrer Höhe eine Bemerkung Dietwars anschließt wie die Ausgaben abgezogen bleibt gar wenig".17 Nur zum Vergleich sei erwähnt, daß Birken im Durchschnitt des von ihm selbst dokumentierten Zeitraumes von 1660 bis 1679 jährlich 460 fl. verbrauchte.18 Auch Klajs Adjunkt Wolffart war mit Einkommensquellen aus Eigenbesitz in Mainbernheim versehen, während Klaj zunächst sicher allein auf die von der Gemeinde aufgebrachten Mittel zu seinem Unterhalt angewiesen war, da die Nutzung von Pfründen ja ausgeschlossen war.19 Wie hoch der Betrag war, findet sich nirgends ausdrücklich angegeben. Da aber die evangelische Gemeinde dem katholischen Pfarrer die ihm durch die Aufnahme eines evangelischen Pfarrers entgangenen Einnahmen nach dem Gnadenvertrag mit jährlich 300 fl. zu ersetzen hatte, und dieser Betrag -- vergleicht man ihn mit Dietwars Aufzeichnungen -- weit über dem liegt, was als Entschädigung für entgangene Accidentien hätte angesetzt werden können, dürfte er der Summe entsprechen, die Klaj zur Verfügung gestellt werden sollte, wobei damit noch nichts darüber ausgesagt ist, ob diese Leistung in barer Münze oder auch -- wenigstens zum Teil -- in Naturalien abgegolten wurde. In guten Jahren reichte sie jedenfalls sicher für den Unterhalt. Gerade aber im Frühjahr 1655 kam es zu einem erheblichen Preisanstieg, so daß Dietwar mit Einnahmen von 330 fl. und der Möglichkeit, den Lebensmittelbedarf weitgehend aus eigener Produktion zu decken, kaum eine Rücklage erübrigen konnte.

Es ist die Zeit, in der es zu dem erbitterten Streit zwischen Klaj und seiner Gemeinde kam, in dessen Verlauf das böse Wort Klajs fiel, die Gemeinde brauche nur zu zahlen, alles weitere gehe sie nichts an.20 In dieser konkreten Situation brachen aber auch grundlegende Probleme im Verhältnis zwischen Pfarrherrn und Gemeinde auf. Eine entscheidende Rolle hat sicher gespielt, daß die Kitzinger ihre Hoffnungen und Erwartungen enttäuscht sahen. Der Markgraf von Ansbach hatte gegen die bezüglich der Kitzinger Pfandschaft getroffene Entscheidung Widerspruch eingelegt und im Hinblick auf den Reichstag 1654 in Regensburg entsprechende Dokumente publiziert, die seine Ansprüche untermauern sollten.21 Wäre es gelungen, diese durchzusetzen, hätte sich die Position der Evangelischen in der Stadt entschieden verbessert. Der Erfolg allerdings blieb aus. Aber auch Dilherr in Nürnberg konnte nichts daran ändern, daß der Kitzinger Pfarrer sein Amt zur Zufriedenheit des Würzburger Bischofs ausfüllte. Im Gegenteil, der Hilferuf nach Nürnberg brachte der Gemeinde die deutliche Mißbilligung des Bischofs ein. Wie wenig all diese Beschwerden mit der Person Klajs verbunden waren, läßt sich auch daraus ablesen, daß die Klagen der Protestanten in Kitzingen sich nicht mit seinem Tod erledigten, sondern bis ins 19. Jahrhundert vorgebracht wurden.22 Manche Erschwernis wurde durch die Vermittlung des Markgrafen von Ansbach denn auch gemildert. So reduzierten die Abkommen der Jahre 1672 und 1684, in denen finanzielle Entschädigungen durch den Bischof für von den Markgrafen erbrachte Leistungen während der Pfandschaft geregelt wurden, die im Gnadenvertrag festgesetzten Gebühren deutlich.

Klaj als "Bohemien und genialischen Einzelgänger"23 zu bezeichnen ist also nur möglich, wenn man den Phänomenen Zwang antut und versucht, seine Person in den Mustern ganz anderer literarischer Zusammenhange zu beschreiben. Er selbst hat sein Leben in wenigen Zeilen im einzigen von ihm erhaltenen Brief aus dem Jahr 1654 dokumentiert. Der Empfänger, Johann Heinrich Calisius, mit dem Gesellschaftsnamen Cloridan selbst Mitglied im Blumenorden, hat ihn in einer Sammlung geistlicher Gedichte veröffentlicht.24 Seine Kürze fordert natürlich zur Interpretation heraus, und man hat ihn zum Zeugnis für den Wunsch nach der vollendeten Dichtung, eine[r] Art 'poesie absolue' "25 gemacht. Klaj habe hier seine Gleichsetzung von Dichter und Engel am deutlichsten ausgesprochen. Das aber wird Klaj nicht gerecht. Vielmehr kommt Klaj mit seinen Bemerkungen auf ein Ereignis zurück, das Harsdörffer in seiner eingangs zitierten Kritik berichtet, daß er nämlich einen Brief von Colerus erhalten habe. Von Klaj erfahren wir nun, was ihm dieser geschrieben hat und können daraus erschließen, daß es sich um Christoph Colerus, den Opitz-Biographen aus Breslau, handeln muß. Denn Klaj führt auf diesen Brief seine Kenntnis des Opitz zurück. Es ist davon auszugehen, daß Colerus auf Klajs "Lobrede der Teutschen Poeterey" reagiert hat, die 1645 im Druck erschienen war und in der Klaj Opitz nur als den Verfasser des Kleinepos "Jonas" nennt, sich aber sonst vor allem auf seinen Lehrer, den Wittenberger Professor für Poetik und Rhetorik Augustus Buchner, stützt. Dem Brief nach hätte Klaj also erst nach der "Lobrede" Opitz als den Ersten in der deutschen Dichtung und das heißt vor allem als den Verfasser des "Buches von der Deutschen Poeterey" zu würdigen gelernt.26 Man mag nun spekulieren, ob vielleicht in dieser Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit -- schließlich hatte er in der "Lobrede" mit großer Verve seine Kennerschaft und das unumgänglich notwendige große Wissen des Dichters als Forderung in die Öffentlichkeit gebracht -- ein Grund für sein zeitweiliges Verstummen liegt. Zu untersuchen wäre dann aber auch, ob sich die Orientierung an Opitz im Vergleich zwischen den Redeoratorien und den Friedensdichtungen belegen läßt. In Kitzingen jedenfalls konnte ihm Opitz nicht mehr helfen; hier, so schreibt er, müsse er sich anderen Aufgaben widmen und gebe deshalb die Fackel weiter an seinen Mitschäfer Cloridan. Er selbst werde seine Zuhörer von der Kanzel aus zum Heil führen und dort (zusammen mit ihnen und seinem Briefpartner) mit dem Psalmisten singen und im Chor der Engel stehen. Diese Rollenverteilung ist so schriftgemäß, daß kein Zweifel daran bestehen kann, daß Klaj die Schlußformel seines Briefes, "Johan. Clajus P.L.C. Pastor orthodoxus", bewußt und überzeugt gebraucht hat.

Anmerkungen:
1) vgl. die Reprintausgaben Johann Klaj: Redeoratorien und 'Lobrede der deutschen Poeterey', hrsg. v. Conrad Wiedemann, Tübingen 1965 und Johann Klaj: Friedensdichtungen und kleinere poetische Schriften, hrsg. v. C. Wiedemann, Tübingen 1968 sowie die Monographie von C. Wiedemann: Johann Klaj und seine Redeoratorien, Nürnberg 1966 (Erlanger Beiträge zur Sprach- und Kunstwissenschaft, Bd. 26)
2) Brief Harsdörffers an Birken vom 4.7.1646 im Archiv des Pegnesischen Blumenordens, zit. nach Wiedemann: Klaj und seine Redeoratorien, s. Anm. 1, S.19 . Übersetzung: Klaj, der früher einmal zu uns gehörte, hält sich im Gasthaus auf, womit er seine Bestimmung verfehlt. Wenn ihm die Musen gewogen sind, taucht er die Feder nicht in den Geist, sondern in Bier und bietet seine Kunst gegen Geld feil. Er hat Briefe von Rist, Colerus und Pippenberg erhalten, aber während er trinkt, schweigt er, während er nicht trinkt, schläft er. Verschiedenes fängt er an, nichts jedoch führt er aus, weil er auf dem Rücken liegt und gähnt." [E.R.]
3) Bartholomäus Dietwar: Leben eines evangelischen Pfarrers im früheren markgräflichen Amte Kitzingen von 1592-1670, von ihm selbst erzählt. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte des 30jährigen Kriegs in Franken. Mit erläuternden Zusätzen herausgegeben von Volkmar Wirth, Kitzingen 1887, S.135f (die Aufzeichnungen sind gekürzt und sprachlich modernisiert).
4) Albin Franz: Johann Klaj. Ein Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte des 17. .Jahrhunderts, Marburg 1908, S.15.
5) Briefe von Georg Styrtzel an Birken vom 6. und 13. 3. 1651 im Archiv des P.Bl.O.. In Auszügen zitiert bei Wiedemann: Johann Klaj und seine Redeoratorien, s. Anm.1, S.19 u. 20.
6) Kurt Wölfel: Barockdichtung in Nürnberg, in: Gerhard Pfeiffer (Hrsg.), Nürnberg. Geschichte einer europäischen Stadt, München 1971, S.338-344, hier S.339.
7) Die Nürnberger Lateinschulen hatten seit der Reformationszeit drei Klassen. Nur die St. Sebalder Schule wurde Ende des 16. Jahrhunderts um eine vierte Klasse ergänzt; vgl. Klaus Leder: Das evangelische Schulwesen, in: Hdb. der bay. Geschichte, 3. Bd. Teil 1, hrsg. v. Max Spindler, München 1979, S.685f. Zum Ausbau 1624 Hugo Steiger: Das Melanchthongymnasium in Nürnberg (1526-1926). Ein Beitrag zur Geschichte des Humanismus, München und Berlin (o.J.), S.190.
8) Wiedemann: Nachwort, in: J. Klaj: Redeoratorien, s. Anm. 1, S. 8* .
9) Darauf weist schon Franz, s. Anm. 4, S. 25 hin.
10) Rudolf Endres: Das Einkommen eines freischaffenden Literaten der Barockzeit in Nürnberg, in: Quaestiones in musica. Festschrift für Franz Krautwurst zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Friedhelm Brusniak und Horst Leuchtmann, Tutzing 1989, S.85-100.
11) Chr. Gottfr. Oertel: Vollständiges Corpus Gravaminum Evangelicorum, Abtheilung VII, Regensburg 1775, S.1752 ff.
12) Dietwar, s. Anm. 3, S. 117.
13) Heinrich Weber: Kitzingen, München 1967 (=Historischer Atlas von Bayern, Teil Franken, H.16), S.130.
14) Instrumenta Pacis Westphalicae. Die Westfälischen Friedensverträge. Vollständiger lateinischer Text mit Übersetzung der wichtigeren Teile und Regesten, bearb. v. Konrad Müller, Bern und Frankfurt a. M. 31975 (=Quellen zur Neueren Geschichte, H. 12/13).
15) Dietwar, s. Anm. 3, S.137.
16) Franz, s. Anm. 4, S. 31.
17) Dietwar, s. Anm.3, S.167. Die aus Berechnungen in 10-Jahresspannen gewonnene generelle Feststellung der Wirtschaftshistoriker, die Bevölkerungsabnahme durch den Krieg habe zu einem Preisabschwung im Agrarbereich geführt, gilt nur eingeschränkt (vgl. Wilhelm Abel: Agrarkrisen und Agrarkonjunktur. Eine Geschichte der Land- und Ernährungswirtschaft Mitteleuropas seit dem hohen Mittelalter, Hamburg und Berlin 31978, S.158-161). Für einzelne Jahre war das Ernteergebnis für die Preisentwicklung entscheidend.
18) Endres, s. Anm.10, S. 96.
19) Art V, 27 des Osnabrücker Friedensvertrags.
20) Franz, s. Anm.4, S.33; leider faßt Franz nur zusammen, was er den Beschwerdeschriften an den Amtmann der Stadt entnommen hat.
21) Wohlgegründte Außführ: vnnd Ableinung der von dem Stifft Würtzburg dem Fürstlichen Hauß Brandenburg Culm: vnd Onoltzbach zur vngebür beygemessene 'tergiversation' / vnd darauff am kayserlichen Reichs=Hofrath, den 16. [26.] Octobris letzthin, wider Brandenburg 'ab impari numero Assessorum utriusque Religionis' / übel außgefallenen höchstbeschwehrlichem Urtheil 'annexâ Deductione Nullitatum / et Petitione / Den Brandenburgischen ein Dritt: vnd Sechzehenden Theil an Burg Statt vnd Ampt sampt dem gantzen Closter Kitzingen vnnd deren 'Pertinentien' betreffend. Der Röm. Kays. Majestät etc. auch denen bey innstehendem Reichstag zu Regenspurg versambleten Höchst: Hoch: vnnd Wohllöblichen Chur: Fürsten vnd Ständen / vnd der Abwesenden Botschafften vnd Gesandten / gebürend übergeben / Anno 1652.
22) Anton Ruland: Die Beschwerden der protestantischen Bürgerschaft der unterfränkischen Stadt Kitzingen im Lichte der Geschichte, Würzburg 1858.
23) Wiedemann: Klaj und seine Redeoratorien, s. Anm.1, S. 5.
24) Brief abgedruckt in Wiedemann: Nachwort, in: Klaj: Friedensdichtungen, s. Anm. 1, S.16* .
25) Wiedemann: Klaj und seine Redeoratorien, s. Anm.1, S.66.
26) Wiedemann geht dagegen davon aus, daß die "Lobrede" "das Programm des Martin Opitz stillschweigend voraussetzt"; ebd. S. 23.