Im MERLIN Verlag Andreas Meyer, Gifkendorf, erschien im Jahre 2000 die Erzählung "Lebensläufe" von Wolf Klaußner (ISBN 3-87536-210-1).

Wolf Klaußner, geboren am 3. Oktober 1930 in Lichtenau, studierte in Erlangen und München Englisch, Deutsch, Geschichte, Psychologie, Kunstgeschichte und Musik. Er hat eine Reihe Erzählungen und Romane sowie Übersetzungen aus dem Englischen veröffentlicht. 1997 wurde er mit dem "Nürnberger Meistersingerbrief" ausgezeichnet, 2001 in den Blumenorden aufgenommen. Er verstarb am 3. April 2005.

 

Kapitel III

 

Trotz aller scheinbaren Leichtigkeit hatte Loy sein Leben nie als Via Triumphalis gesehen, sich eher furchtsam gewundert, daß ihm Schwierigkeiten erspart blieben, die anderen schwer zu schaffen machten. Es waren gewaltige Brocken auf seinem Weg gelegen und er hatte sie umgehen können, mit Disziplin und Überlegung. Er hatte öfters die Zähne zusammengebissen als es zum Beispiel Johannes Schmidtkunz scheinen mochte, der ihn für ein Glückskind hielt und es ihm gönnte, doch dieser Status ist nicht dauerhaft. Wie schnell das geht, sieht man am ,,Zerrissenen" oder an mir, sagte er an der Hochzeit Violandes im September 1947.

— Bei deinem Schwiegersohn wirst du ganz schön aufpassen müssen, ein sauberer Windhund.

— Ein Knabe, sagte Konrad, — den schick ich nach England, daß er was Gescheites lernt.

— Bist du des Teufels, Konrad? Die Kinder sind glücklich, du hast Geld genug, böse Winde von ihnen abzuhalten. Ich beneide dich, schau doch hinüber (das junge Paar stand auf der Terrasse und blickte in den Abendhimmel), da willst du mit deinem ewigen Leistungszwang (— Was? Ich? Leistungszwang, lachhaft) denen ihr, weiß wie kurzes, Glück (und ob Leistungszwang: Warum hast du denn sonst promoviert? Und steuerst jetzt ...)

— Ich weiß nicht. Mich hat auf einmal Dumpfheit befallen und Angst. Ich bin ein anderer geworden, seit der Conte die Verlobung ankündigte, eine Frechheit obendrein: ICH hätte doch sagen müssen, beehre mich die Verlobung meiner Tochter usw. Dieser windige Conte.

— Hoho. Ich kenne die Familie von früher her, aus meiner ehemaligen Tätigkeit, das waren gediegene Faschisten, bloß dein Conte nicht, der war das schwarze Schaf, ein Bauer obendrein, und dem sind jetzt alle Güter zugefallen, weil sie die Familie teils umgebracht oder nach New York vertrieben haben. Dem gehört inzwischen ein schöner Fleckenteppich in der Toskana, selbst wenn er es nicht wissen sollte, was ich nicht glaube. Wie es aussieht, kann er deine Tochter in Samt und Seide hüllen — da stinkst du ab.

— Angst, sagte Konrad, der nicht zugehört hatte, — kannte ich früher nie. Ich hatte ja nichts, riskierte also null, das heißt alles. Verzeih, ich bin schon seit einiger Zeit ... wäre am liebsten als Schipper auf einen Kohlendampfer gegangen, aber seit ich Gritli habe, und es hat gefunkt am ersten Tag in der ersten Stunde, ich liebe sie mehr als mein Leben und die Kleine ...

— Man sieht es, sagte Johannes, — ich habe noch nie ein Paar...

—Ich habe Angst, und nun gar jetzt: Mit dreizehn Jahren schwanger, wie soll sie eine Geburt überstehen?

— Die Kinder küßten sich hingerissen.

— Die ist zäh, sagte der Freund, — und wenn die beiden nur zwei Jahre in solchem Rausch leben: Hat es sich dann gelohnt? Dann hat es sich gelohnt. Mag kommen was mag. Konrad Loy schwieg lange. Von der Ebene herauf kam kühlender Wind.

— Du wirst es nicht glauben: Ich bin ein anderer geworden und darf nicht mehr so weitermachen, als hätte ich nichts zu tun mit dem äußeren Leben. Man hat mir einen Lehrauftrag angeboten — hab abgelehnt — aber ich nehme ihn an. Wird Gritli nicht recht sein.

Johannes zündete sich eine schwere Zigarre an, drehte sie im Mund, zog gewaltig durch und sagte durch den Qualm: — Und mir auch nicht (— Dir? Kann dir doch ...) weil ich nämlich eines Juristen bedarf. Hast du eigentlich je Prozesse geführt?

— Wieso?, Konrad war überrumpelt (— Hast du?), — ja so zwei oder drei, aber nur als Berater im Hintergrund.

— Gewonnen?

— Natürlich. Ist eine gute Sozietät. Gewiefte Burschen.

— Ich brauch dich. Im Hintergrund. Als Berater, in Rohrbach sieht es wüst aus.

— Gritli trat näher zu ihnen, heiter mit tränenglänzenden Augen.

— Konrad, sagte sie, — mehr bleibt hier nicht zu tun. Fahren wir heim.

Er sah sie an und legte den Arm um ihre Schulter und die andere Hand an ihre volltönende Brust. Sie schrie leise, verhauchte, richtete sich wieder auf, lächelte, schlug sich den Rock glatt, an dem doch nicht ein Fältchen war. Und das ältere Paar begab sich auf Hochzeitsreise nach Rohrbach.

Immerhin hatte die Bücherkammer Zeitläufe überlebt, und das Bett, schmal und karg desgleichen. Am ersten Morgen sahen sie sich verwirrt an, zumal es draußen wie aus Kannen goß. Der Dachschlauch schluchzte, an den Scheiben herab rann das Wasser. Sie warf plötzlich die Arme um ihn und sagte: — Ich liebe Dich. Er zog sie an sich und fing an zu weinen, sie herzte ihn wie ein Kind und wehrte die jähe Angst ab, die sie befallen hatte. Was war mit ihm? Ihr schien, als bräche das innere Traggerüst eines Turmes zusammen, wie sie ihn immer gesehen hatte, und langsam, Stück für Stück, als donnerten schwere Balken von der Helmspitze bis ins Fundament.

— Wir müssen tätig werden, flüsterte sie, — du liebst doch deine Heimat?

Er schüttelte den Kopf.

— Ich liebe außer dir und der Kleinen nichts. Ich weiß jetzt auch, daß ich nirgendwo zu Hause bin und alles, was ich getan habe, ist eitel Haschen nach Wind. Wenn du nicht wärst, der ich damit Schmerzen zufügte, würde ich gerne sterben. Ich will dich sogar überleben, daß du den Schmerz nicht fühlst, der dann meiner ist.

Gritli küßte ihn lange und schlang ihre Beine um seine Hüften: — Du bist der, den mir das Fatum geschickt hat. Ich gehe nie von dir, nicht lebendig, und der Tod soll uns nicht kümmern. Weine nicht mehr.

— Ich weine vor Glück. Seit ich dich kenne, ist meine Liebe jeden Tag in diesen vierzehn Jahren stärker geworden, eine schier unerträgliche Seligkeit.

— Ach, seufzte sie und hob ihm heiter das Becken entgegen wie ein Lerchenlied: — mein Engel, mein Alles, mein Ich.

— Sie standen auf, sahen jeder den anderen mit Bedauern hinter Kleiderkulissen verschwinden, gingen hinunter, wo Tante Anna seit einem Jahr stumm in der schwarzen Küche saß, und deckten ihr den Frühstückstisch.

— Komm, Tante Anna, sagte Gritli, — du siehst aus, als hättest du lang nichts Richtiges zu essen bekommen, setz dich zu uns.

Sie tranken Tee, aßen weißes Brot und Corned Beef und Marmelade auf Butter, italienischen Käse. Tante Anna fraß wie ein Wolf.

Plötzlich gurgelte es in ihrer Kehle (natürlich, jetzt speit sie, das ist sie nicht gewohnt, Dummheit von uns), aber sie spie nicht, und als Konrad genauer zuhörte: nerntes gstulln, begriff er, daß sie redete. Sie verstummte, als Gritli die Brauen hob: — Sie will wissen, wo wir das gestohlen haben.

Schmeckt's wenigstens? fragte Gritli und hörte von ihrem Ehegespan zum ersten Mal ähnliche Laute, Geheimsprache der Getretenen, koschemer Loschen, Gritli ängstigte sich schier, als dies noch eine Weile so zuging. Die Haushälterin-Nichte kam herein, blieb wie vom Donner gerührt stehen und schrie: — Dannda! Du kunst ja widder reden!

Sie wurde zu Tisch gebeten und man erfuhr: Rohrbach habe noch hundertdreiundachtzig Einwohner, davon ein Kind unter zehn und eins über zehn, Rohrbach sei tot. Es habe im Sommer eine unerhörte Trockenheit gegeben, daß schier der Rohrbach ganz versiegte, Elektrisches gebe es erst seit acht Tagen wieder, und außerdem seien Tschechen übern Ort hergefallen, wo die Amis abgezogen waren, daß es Tote gegeben habe, und was sie nicht mit der Hand hätten aufarbeiten können, hätten sie gesprengt. Am Südhang wäre Trichter an Trichter, wo die Nazihäuser gewesen und droben in der Säg hause bloß noch der Schmidtkunz mit einem Serben und hätten nichts zum leben und zu sterben, aber einen Haufen Geld, worauf geschissen sei. Gritli versicherte, man werde zunächst einmal für längere Zeit im Hause bleiben, und für Essen sei gesorgt.

Konrad sah hinaus auf den kleinen gepflasterten Platz, den die Panzer aufgepflügt hatten, die umgestürzte Meilensäule, die verwitterten kleinen Barockhäuser, den Regen, plötzliche Solidarität. Hier gehöre ich her. Wie oft habe ich als Kind auf dieses Plätzchen hinaus gesehen, mich hinweg gesehnt aus dieser Wärme und gebetet, daß ich hier bleiben dürfte.

— Wo is'n der Hund?

— Verhungert, sagte Tante Anna.

— Gibt's den Züchter noch?

— Der hat keine Hünd mehr, wenn er sie nicht selber aufgefressen hat.

Wobei die Nichte in einen Paroxysmus nach dem anderen verfiel: Die Tante könne wieder reden::

Weil die Elektrik ausgeblieben sei, habe Schmidtkunz nicht mehr sägen können, und die Dampfmaschine sei ohnedies seit Jahren kaputt. Den Pfarrer hätten die Tschechen an der Kirchentür gekreuzigt, und dann sind sie alle fort, die noch Beine hatten zu laufen. Konrad Loy schluckte. Und wie habt ihr hier überlebt? Die Nichte fing an zu kichern, flüsterte: — Tante Anna, zeig's ihm wie. Worauf die Tante in einem Wimpernschlag den Lauf der Kalaschnikow über die Tischplatte ragen ließ: — Ham mir die Russen geschenkt (— Russen hatten wir auch da, im Juni, und die konnten die Tschechen nicht leiden: Die Nichte)

— Die hat einfach ein paar Garben übers Ort geblättert, dann sind sie fort. Zuerst haben sie aber einen Ami erschossen, und da haben die Amis einfach oben bei den Nazihäusern zehn DP's aufgehängt, und dann sind sie alle fort. Bloß der Duschan oben beim Schmidtkunz ist da geblieben. Wenn die letzten Bauern verhungert sind, sperren wir auch zu, da hast du den Schlüssel, Konrad.

— Behalt ihn nur noch für eine Weile, wir sperren so schnell nicht zu. Und dein Schießgewehr brauchst du auch nicht mehr, außerdem ist es verboten.

— Was ich mich darum schon scheiß.

Gritli fuhr in die Stadt, alte Verbindungen wieder anzuknüpfen, und einen Traktor zu organisieren, Konrad stieg zum Sägewerk hinauf. Herr und Knecht standen in der alten Maschinenhalle und blickten ratlos auf einen sauber ausgelegten Haufen von Eisenteilen.

— Grüß dich, Johannes.

— Servus, Konrad, wir kommen nicht weiter.

Man bräuchte ein neues Lager für die Achse vom Schwungrad, sonst bewegt sich hier nichts mehr. Duschan deutete drauf.

— Und in den Sägewerken ringsum, die du mal hattest?

— Die geben nichts her, aber denen fehlt, was wir hätten; man könnte tauschen und wenigsten eine Maschine wieder in Gang bringen. Sie ließen sich auch nichts für Reichsmark abkaufen. Dollar ja. — Fränkli?

Kannten sie nicht, und wenn, dann trauten sie ihnen nicht. Doch dies ließ sich regeln, und als der alte Lanz-Bulldog angetuckert kam, wurden Eisenteile und Währungen bewegt. Am 7. Oktober schnarchte der alte Schlot auf und die Gatter begannen zaghaft zu rütteln. Ein Deutz Magirus zweifelhafter Provenienz holte eine Fuhre Bretter ab und zahlte in Luckys. Stangengeld, Zigarettenstangen, die so oft den Besitzer gewechselt hatten, daß der fest verschlossene Inhalt nur noch aus Bröseln bestehen konnte.

Außerdem brauchte man einen Heizer und einen Arbeiter im Holzlager. Duschan kannte zwei Landsleute, die Tito den Rücken gekehrt hatten.

Rohrbachs karger Boden hatte keinem Bauern je den Vollerwerb gebracht. Sie waren Maurer, hatten einen kleinen Kaufladen oder betrieben ein Handwerklein: Sattler, Wagner, Schmiede. Wer hatte jetzt schon Leder, Eisen, Eichenholz? Gritli bestach Hilfsorganisationen und Schwarzhändler, daß es zum hohen Himmel rauchte, ein Pfarrer zog auf, den Konrad Loy gleich ins Gebet nahm: Man sei unter die Räuber gefallen (durch eigene Schuld, da gab es nichts wegzubeten) und es mache ihm nichts aus, irgendwelche aberrative Erscheinungen abzuräumen, die sich gegen das Sittengesetz Mosis vergingen, da sind wir uns einig, Herr Pfarrer, aber die werktätige Klasse dürfe nicht durch irgendwelche Quisquilia, z.B. Kondom, Diebstahl oder Schleichhandel verschreckt werden. Der Pfarrer, ein todhagerer Seelenhirt, der seine gut geölte 7.65 unter dem Meßbuch liegen hatte (tz tz, Herr Pfarrer) merkte, worauf es ankam und ging bei notwendiger Gelegenheit mitorganisieren. Weihnachten '47 setzte sich Konrad Loy auf den Orgelbock und spielte ,,dir dir Jehova will ich singen" und der Pfarrer schoß ihm einen Räuberblick auf die Empore, lächelte, d.h. er grinste, und es waren keine sentimentalen Weihnachtstränen, die Pfarrer wie Organisten die hageren Wangen hinabrannen, wenn sie auf die armselige Gemeinde blickten. Die Dampfmaschine fauchte in die Pianostellen und Johannes setzte voll ein: ,,Stille Nacht". Der kannte nichts. Warum auch? Konrad tupfte zart auf dem Oktävlein Stütznoten. Gritli saß eng auf dem Orgelbock neben ihm und wärmte seine klammen Hände im dick-wollenen Rock, während der Pfarrer von jüdischen Mitbrüdern predigte, die durchs Gas zum heiligen Geist gegangen seien. Er hatte später die dicksten Schwierigkeiten deshalb, aber Konrad lud ihn danach zum Festessen ein, und beide wahrscheinlich mohammedanischen Serben auch. Dieser Pfarrer verschaffte Johannes die ersten größeren Aufträge. Er hatte einen Posten in einer katholischen Hilfsorganisation und Johannes, der schon im Oktober ‘45 wieder in die Kirche eingetreten war und seitdem keine Sonntagsmesse versäumt hatte, konnte sich des Wohlwollens der Kirche erfreuen. Seit seinem Krakauer Abenteuer hatte er eine gewisse Scheu vor Frauen, aber er fühlte, daß er als Junggeselle keinen vollgültigen Platz in der Gemeinde, Kirche und dem Staat einnehmen konnte und sah sich deshalb nach einer Frau um. Traf eine gute Wahl, da sein Blick weder von Eros noch Sexus getrübt wurde. Sie war die ältliche Tochter eines ehemals mit Fremdarbeitern florierenden Bauunternehmers, den die Amis sogleich eingesperrt hatten, wodurch die Firma fast Pleite ging. Sie krebste mühsam mit zwei Maurern dahin und existierte hauptsächlich vom Schwarzhandel mit Baustoffen. Diese Tochter, Mila, saß ratlos und blaß vorm Klavier und übte Czerny-Etuden, weil sie sicher war, daß der Vater bald nach Hause kommen und sie dann abhören werde. Der war ein ganz gepflegter Pianist, vor allem für's Weichere, und konnte fuchsteufelswild werden, wenn man keine Läufe und Fingersätze beherrschte. Johannes war bei der Suche nach Sub-Unternehmern auf den maroden Betrieb gestoßen, hatte den Baumaschinenpark unter dem Vorwand betrachtet, ihr helfen zu wollen, Milas Bücher eingesehen, und nach schicklichen Präliminarien um ihre Hand angehalten; just als der Alte wegen einer Herzkrankheit von den Amis nach Hause geschickt worden war. Dem gefiel dieser Schwiegersohn ausdermaßen: Ergänzten doch Baufirma und Zimmerei einander auf's Vortrefflichste, und die Sorge um die bereits vierzigjährige Mila war er auch los. Natürlich wußte er, daß die Mila dem Johannes weniger Wert war als der Zwölf-Meter Kran, aber sollte es zu Schofel kommen, konnte er die Firma Schmidtkunz und Baumann jederzeit wieder aufkündigen.

Soweit kam es jedoch nicht, denn Johannes war kein Schuft, bei allen Charakterdefekten.

— Wer ist wie Gott, sagte Konrad zu seiner lieben Gritli, — ich bin nicht meines Freundes Richter, vielleicht kannst du dich ein wenig ihrer annehmen. Dies war nicht nötig. Das junge Paar verbrachte seine Flitterwochen auf langen Waldspaziergängen und Mila verjüngte sich, bekam Farbe und wurde geradezu hübsch, denn im Walde zu kosen war seit ihren Jungmädchentagen ihre geheime Lust gewesen; das Verbotene, Süße wurde wahr und legitim. Mila bekam einen Busen, ihre Hüften rundeten sich und auch ihr Bauch. Als Herr Schmidtkunz Vaterfreuden entgegensah, behandelte er seine sanfte Mila wie eine Prinzessin. Sie mußte viel ruhen, hatte der Arzt geraten, und Johannes las ihr Stifter als Waldersatz vor. Er fing auch wieder an, ein Haus zu bauen für sie und den Sohn (dessen war er sicher), diesmal auf den Rat des Freundes hörend: Mitten im Dorf, auf dem Grund dreier abgebrannter Bauernhäuser, weitläufig in einem schönen Garten und nach einem alten sinnvollen Grundriß mit vielen Fenstern und aus Holz, das er ja hatte, auf einem gediegenem Sandsteinfundament.

— Die Währungsreform 1948 traf Schmidtkunz nicht unvorbereitet: Nun war sein und des Schwiegervaters Lager wieder volles Geld wert und sie gründeten die Wohnbaufirma ,,Frieden", kleine Eigenhäuschen mit Plumpsklo um dreitausend Mark: Fundament Sandstein, Aufbau Holz, Bauzeit zwölf Wochen, dreihundert Quadratmeter Grund zu fünf Mark, wobei Johannes die Naziruinen am Südhang von Rohrbach im Auge hatte, die er mit Schwiegervaters Bagger geräumt und eingeebnet hatte

Merkwürdigerweise wollte dahin aber kaum jemand, doch reüssierte er in der Kreisstadt, die voll wild-arbeitsamer Schlesier lag.

 

Im Oktober ‘48 spazierte an einem Samstagnachmittag eine merkwürdige Gestalt durch Rohrbach, ein stämmiger Mann mit großem Bauch, einer fransenbesetzten Lederweste, die mit den Stulpenstiefeln korrespondierte, einem breitrandigen Hut über dem vergnügt massigen Gesicht. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, hob den Kopf oder schnaufte behaglich und zog konzentrische Kreise um den Bären. Johannes hatte die Löcher im Pflaster wieder reparieren und die Meilensäule aufrichten lassen, nun sah der kleine Platz mit dem barocken Ensemble und der bescheidenen Kirche heimelig und so bilderbuchtraut aus, daß man anfing, Volkslieder zu summen, vom Städtchen, vom Mädchen, von Sehnsucht und Abendfrieden, ungeachtet des Umstands, daß ringsum noch alles im Graus lag. Doch sollte man des Grauses halber alles liegen lassen, und nicht anfangen, eine Zelle zu bauen, um die sich andere bilden könnten?

Konrad sah den pittoresken Fremdling, stieg verteidigungsbereit-ahnungsvoll aus seinem Denk-Stüblein hinab und grüßte den Dicken (und Hohen: 1,89 groß): — Grüezi.

Hello son. (— Hab ich's mir nicht gedacht?!)

Wanna stein of beer?

— No. A hock, whännäs souas gibt.

— Gibt’s. Come inside.

Konrad hatte mit Johannes' Hilfe den Officer's Club zur Wohnzimmerstube zurückverwandelt, es standen wieder zwei solide weiße Ahorntische im Raum, ein paar Stühle, durch die offene Tür sah man auf die kupferne Kaminhaube überm Küchenherd.

Aaaaa oh. Well. Thanks. A little bit tired, ermudet. Long journey from Texas to Pipebroock, isn't it? And you are Konrad. I'm uncle Jeff. (— Dachte ich mir's doch. Der will das Erbe zurück. Nun ja, wenn's sein muß, wir kommen auch ohne aus.)

Z'wohl si, stellte Gritli ein Glas Randersacker dahin, der hob es und goß es ohne zu schlucken in sich. Gritli brachte nach.

— My name is Jeffrey Schneider. Dein great-grandfather und my grandfather were brethren. And your aunt with the legacy was my cousin. Alles klar?

Gritli lachte, mußte sich setzen.

— Und gerade wie ich mich umsehen wollte nach dir, kommt mir dieser bloody war. Und jetzt, denke ich, ist es Zeit. Son, das alles is very nice hier. Aber du bist arm. No car und nix. Und ich hab keine Kinder und nix. Ich glaube ... — erst habe ich gedacht, ich hole dich nach Texas, aber das hier ist auch sehr schön. Also erstens werden wir den village aufbauen, reconstruct. Lauter gute Häuser. Und zweitens: Arbeit. Engines. Arbeiters. Tractors.

Vier Wochen später stand in der Kreisstadt J. Schneider AG, Schmidtkunz, Baumann, Co. Ein kleiner Trust. Außerdem hatte Onkel Jeff Mila unter die Fittiche genommen und die Militärregierung unter Lucius D. Clay betrachtete ihn wohlwollend. In Westdeutschland gab es damals Chancen wie seinerzeit im wilden Westen, wer schnell war und entschlossen, konnte ohne Ressourcen schnell eingehen, aber mit Ressourcen Großfirmen aufziehen, (welche von den Enkeln ruiniert wurden), die Dr. Konrad Loy nicht wollte. Er wollte ein solides kleines Unternehmen, das Stürmen trotzen konnte; er wollte Enkeln vererben, was überschaubar blieb, Selbständigkeit und Zeit für Frauen. Was gibt es Besseres? Gritli lachte ihn an, hob ihren Rock und umarmte ihn, Heimat Eros. Und daraus ein schönes Kind: Im Oktober ‘48 fuhren sie zur Taufe nach Urbino, Violande, das Kind, der Knabe Vater und in vereinter Seligkeit mit dem Kind, Eugenia. Der alte Conte strich schier platzend als Hofhund in Diplomatenuniform mit der stets beihabenden Plempe ums Haus. Der Flügel war verstimmt, aber Gritli brachte ihn zur Schuldigkeit, strahlend sang Mutter Violande: ,,Freude schöner Götterfunken", aber Gritli fiel ihrem Gatten schluchzend um den Hals: — Konrad, ich hab Angst. — Hab keine Angst. Warum soll man nicht selig sein? Auch hier baut sich eine Wabe auf.

Violande umarmte ihre Eltern: — Ich dank euch, daß ihr mir das Leben gegeben habt. Der junge Vater biß sich in die Lippen vor Verlegenheit, wäre am liebsten auf den Händen gegangen, womit er seine Violande erobert hatte (nackt und steif, was sie ungeheuer erheiterte).

Allmählich wurde man aus dem Gestotter des Conte schlau: Er habe ein größeres Haus in der Nähe, und wenn man dortselbst, wo er jetzt schon die meiste Zeit ... und einladen zu dürfen und Platz genug für alle: Das Haus war von Palladio. Damit war Bern und erst recht Rohrbach vergessen.

Doch, das gibt es: G1ück. Einen Wall, den kein Unheil durchbricht. Wie lange es dauert, steht dahin. Geld macht viel Kummer. Ein Taifun läßt Meere aufbrechen, Krebs frißt die schönsten Frauen zum Gespenst und der Tod ist überall. Doch sollen wir deswegen die Welt durch einen Tränenschleier sehen? Konrad Loy errichtete ein Denk-Stüblein (acht mal sechs Meter), jetzt warf er sich und mit Verve auf Palladio: d. h. das Menschengehäuse, wie es der Urordnung immanent ist.

Die wohlgeborene Eugenia tappte in Park und Sälen herum, Briefe aus Rohrbach donnerten Jubel: Milas Julius war geboren. Onkel Jeff hatte Dollars nach Rohrbach geschaufelt, Tante Anna gestorben, Old Baumann leider in die Kreisirrenanstalt eingeliefert, Altersdemenz, Umsatz drei Millionen: ,,Wollte du wärst hier, alter Freund."

Der Mensch wird im Alter keineswegs schöner, und der junge Goethe sieht besser aus als der alte, wobei man ihm noch die Zahnlosigkeit wegeskamotiert, auch Konrad mußte sich diverse Hacker reißen lassen: Aber Gritli wurde immer schöner. Sie saß zwei Säle weiter und übte Opus hundertelf. Dies machte Konrad bange. Denn Backhaus hatte hundertelf erst mit achtzig eingespielt, er fühlte sich vorher nicht reif genug, sagte er und wie paßte das zusammen, Palladio und hundertelf?

Natürlich paßt das, Erkenntnisse nehmen sich nichts. Und keiner denkt ans Sterben und wenn schon — fffttt, egal. Man sieht zu, Palladio wie Beethoven. Die Verhältnisse stimmen. Die letzten Häuser. Die Landschaft. Die Wahl-Verwandtschaften. Auch die Tränen. Gritli am Klavierstuhl. Eugenia tappt herein, singt mit. In Palladio's Haus das Musikgebäude. Konrad läßt den Kopf auf das Manuskript sinken. Was wäre aus den Menschen geworden, wenn er sich nicht sinnlos vermehrt hätte? Uncle Snyder hat in Texas eine Firma angemeldet: Patentfenster Rohrbach. Aber in Rohrbach geht's und geht's nicht vorwärts, alles wandert ab, die Häuser um den Platz werden leer, keiner will bleiben. Doch Schmidtkunz' Haus steht, Julius tappt um die Meilensäule, allerdings: Mila muß weiterhin liegen. Wird immer bläulicher und häßlicher, eine Schönheit war sie nie. Doch Johannes sieht in ihr alles, was ihm lieb und teuer war, seit seiner Kindheit, aus der Geldheirat wird Liebe, nie hätte Johannes gedacht, daß es so etwas gibt und daß es ihm wiederfahren würde. Er kümmert sich kaum noch um den Laden, sitzt ständig an ihrem Bett, redet mit ihr, liest ihr vor, küßt sie — er ist noch einmal sechzehn. Und obwohl sie die Schönste für ihn ist und ihn bittet (und oft) ihr beizuwohnen, was er unter Zittern und kleinen Jubelschreien tut, denn sie ist sehr geräuschempfindlich geworden, sieht er, wie sie jeden Tag einen Schritt weiter in die Unendlichkeit geht. — An Weihnachten werden wir sehr traurig sein, der Bub und ich, dann verzieht er das Gesicht und stürzt hinaus, wo er sein Schluchzen zu einem Niesen umwandelt, um sie nicht zu beunruhigen. Sie bedauert ihn wegen seines Heuschnupfens und bespricht mit ihm den Wintergarten, den man im Frühjahr in Angriff nehmen wird, wenn sie wieder auf den Beinen ist. Er reißt das Taschentuch vor's Gesicht und gibt das Geräusch von sich.

— Du mußt doch mal zum Doktor, mahnt sie ihn dann liebreich, — du bringst ja die Erkältung überhaupt nicht mehr los. An Weihnachten war niemand traurig, noch der Pfarrer machte Späßchen, doch Ende Januar lag sie eines Morgens im Bett, selig erloschen, sah aus wie ein Schreckgespenst, skelettiert grinsend, haarlos und stinkend. Johannes, schon immer ein Mann normenverweigernder Entschlüsse, nahm dem Totengräber den Spaten aus der Hand und grub selber. Als Konrad seinen alten Freund bei der Beerdigung wiedersah, zog er scharf den Atem ein. Beim Leichentrunk im Bären sagte er: — Vergiß den Jungen nicht ganz. Er ist ihr Vermächtnis, und du kannst ihn nicht in einem Mausoleum aufziehen.

— Wenn der Junge nicht wäre, sagte Johannes, — würde ich das Leben einstellen.

— Du würdest das fertigbekommen, aber Mila hätte dies nie gebilligt. Du siehst aus wie der Tod von Forchheim und in deinem Betrieb klapperts, habe ich in der kurzen Zeit schon erfahren. Gritli ist bei den Kindern und braucht mich jetzt nicht so sehr, aber du brauchst mich.

Er holte wie in alten Zeiten das verschrammte Wachstuchschachbrett und die Figuren im abgeschundenen Kästchen, nahm einen weißen Bauern in eine Hand, einen schwarzen in die andere, überkreuzte dann die Fäuste, Johannes schlug wie früher fast automatisch drauf: — Stell auf.

Zwei alte Freunde beim Schach. Dreißig Jahre alte Witze werden gerissen, Johannes wußte, daß Konrad die lange Rochade bevorzugte und damit noch selten zu Stuhle gekommen war, andererseits hatte er das Kieseritzki-Gambit nie richtig studiert: Also gewaltiges Gewürge am Brett, sogar Lachen. — Ich bleibe noch ein paar Tage hier, sagte Konrad, — Onkel Jeff will auch kommen, und du kannst dich dem Kind widmen. Doch, doch, der spürt das wohl, du darfst ihn nicht mit deiner Trauer infizieren.

Im Frühsommer ‘49 bekam Schneider, Schmidtkunz Cie GmbH etc. einen Auftrag (dank der drei versammelten Großhirne, Jeff, Johannes und Konrad), daß die ganze Amizone mit den Zähnen malmte vor Neid. Vier D-Mark galten einen Dollar und das Pentagon hatte Sechzig Millionen Dollar für ein Recreation-Center ausgeworfen, Johannes raste mit einem nagelneuen Mercedes von Flensburg bis Garmisch um Sub-Contractors, man erinnerte sich auch wieder, und nicht negativ, seiner Rolle im Reichskommissariat Ostland, als eines bedeutenden Wirtschaftsführers und KZler's. Zwar mußte er teilen, aber ein Volumen von zwanzig Millionen Dollar blieb ihm doch. Konrad verfaßte die Verträge mit ausgeruhtem Kopf, Onkel Jeff schipperte nach Washington D. C., ward sogar von Truman empfangen und machte schon mal vorab Heu, solange die Sonne schien. Dem Kleinen hatte man eine Nurse aus England einfliegen lassen, eine gelernte Sadistin, was Johannes jedoch dadurch egalisierte, daß er sie bei jedem Kurzaufenthalt in Rohrbach kunstreich und lustlos anbohrte bis sie johlte. Der Kleine wuchs auf wie ein texanischer Millionärsschratz, und wenn er einen Rolls Royce fürs Kinderzimmer gewollt hätte — er hätte ihn bekommen. Wieder einmal war das Sägewerk zum bloßen Museumsstück geworden, ringsum schuftete man für Schneider und Schmidtkunz. Konrad schrieb an seinem Werk: Die Menschheit und Palladio (darunter tat er es nicht), sah Eugenia heranwachsen, ein schlankes wohlgestaltes Kind, und machte sich jedes Mal seufzender nach Rohrbach auf, wenn dort der Stausee überschwappte. Manchmal schickte er Gritli, die gern für ein paar Wochen mit der Familie nach Rohrbach zog. Die indigenen Rohrbacher, von denen man füglich annehmen konnte, daß sie durch die vielfältigen Weltläufe gestählt genug seien, verstörte noch die Gestalt des Conte, der sich in immer pittoreskere Uniformen hüllte, auch eine Leibwache von gewieften Sbirren mitbrachte, die analog zur Aufnordung der Nazis eine Italianisierung Rohrbachs verursachten. Aber es war wie verhext, Rohrbach starb ab. Außer den drei Vollerwerbsbauern wollte keiner bleiben, der es bei Schmidtkunz auch nur zum Vorarbeiter gebracht hatte. Man zog in die Kreisstadt, von da in die nahe Großstadt, und als der Korea-Krieg losging sogar nach Australien. Konrad sah dies achselzuckend als ein unerforschtes demographisches Problem, Johannes wurde hektisch, ihm saß das Sägewerk im Hinterkopf: Klein, fein und bodenständig. Er hatte zuviel Großdeutsches erlebt. Konrad lachte ihn aus. Violande war wieder schwanger, Amadeo hatte den Alten plus Privatarmee in die Abruzzen abgeschoben, wo sie ungerochen Räuber spielen konnten (die Gendarmerie mußten sie selber stellen). Eugenia lachte und keckerte in den jeweiligen Häusern herum, da traf den Jeff der Schlag. Noch drei Tage röchelte er, dann war die Firmenteilung fällig, noch nicht kalt, zeugte er obskure Verwandtschaft und irgendwer mußte mit der nagelneuen Comet nach Texas jetten. Konrad hatte einen dicken Prozeß am Halse, wo er zum ersten Mal aus seiner Verborgenheit herauszutreten gezwungen war und dies tagtäglich. Johannes raufte in Oslo mit Waldbesitzern und Gritli wollte schon lange einmal nach Amerika, und die ganze Familie mit ihr. Merkwürdigerweise wehrte sich die kleine Eugenia mit Händen und Füßen dagegen, sie wolle nach Rohrbach zum Großvater.

— Warum auch nicht, sagte Konrad, — ich hab Zeit für sie, und in vier Wochen, die ihr weg seid, werden wir ja nicht völlig verwildern, und das Kind tut mir gut. Neulich habe ich meine alte Spielzeuguhr gefunden, da wird sie sich freuen, notfalls schaffe ich ihr einen Hund an, das wäre sowieso zu bedenken, wieder ein Hund ... in ein großes Anwesen gehört ein ordentlicher Hund. Ja, wir fahren nach Bern und bringen einen Sennenhund mit. Der ist so stark, daß du darauf reiten kannst. Das wollte sie nicht, sie wollte einen kleinen Hund, er beruhigte sie: Jetzt sei er sowieso nur so groß wie eine Doppelfaust. Gritli hatte die Reise schnell organisiert, was nicht einfach war. Doch zeitigte die amerikanische Firmenverwandtschaft erhebliche Beschleunigung. Konrad brachte sie nach Rom, er litt nicht einmal sehr, als der Blechvogel abhob. In den letzten Jahren hatten sie oft kurze Trennungen erlebt, daß dies nicht zu Buche schlug, aber einen Stich ins Herz empfand er doch, wie immer wenn er seine Gritli gehen sah, oder von ihr gehen mußte. Die Maschine flog nach Paris, wo sie in eine Comet umstiegen, die nur sieben Stunden bis New York brauchte. Dort wartete schon ein Firmenempfangskomitee und würde sie bequem durch die Staaten geleiten. Doch das Flugzeug kam nie an.