Dr. Elisabeth Wolf

Frühlingspflanzen im Irrhain

 

"Vom Eise befreit" zeigte sich die Natur an einem der vorösterlichen Tage, als wir den ersten Spaziergang des Jahres zum Irrhain unternahmen. Auch wenn die Luft noch kühl und krustige Schneereste an den Winter erinnern, so bemerkt man doch die typischen Vorboten und Frühblüher, die sich, wenn ihre Zeit gekommen, nicht mehr zurückhalten lassen.

 

Zitronenfalter

startet zum ersten Ausflug --

kanns nicht erwarten

 

Mit dem Hauch in Gelb

laden Weidenkätzchen zum

Bienennektarschmaus

 

Zwar geht die Natur noch sparsam um mit Blumen in Prunk und Fülle, lockt aber doch einiges hervor, was uns, wenn auch keinen Kranz zu flechten, doch ein Sträußchen zu pflücken erlaubt.

 

Schon am Eingang finden wir unter kahlem Gebüsch, im Laub vom Vorjahr versteckt, zwei Veilchenarten: Das "heimlich blühende", duftende, "erste Liebe verheißende" Märzenveilchen, Viola odorata, und nicht weit davon Viola canina, das Hundsveilchen. Seiner Artgenossin ähnlich, doch weniger beachtet, fehlt ihm, so würden wir wohl sagen, "Flair und das gewisse Etwas". Und doch möchte man es im Frühlingswald nicht missen.

 

Bin nicht vielgeliebt,

Fahl ist mein Blau und Duft mir

versagt -- Hundsveilchen --

 

Wenn ich könnt sprechen

würd' ich nicht klagen, würde

sagen: Nehmt mich mit!

 

Das tun wir.

 

Nicht zu übersehen sind Hainrispengras (Poa nemorosa) und Flattergras (Milium diffusum), die beiden zwischen Vogelmiere und weißer Sternmiere hochgewachsenen typischen Waldgräser, deren feingliedrige Blütenstände einen Blumenstrauß anmutig beleben.

 

Gräser sparsam in

Farbe und Duft bezaubern

auf ihre Weise.

 

Es wiegt und biegt sich

im Silberblütenglanz der

schlanke Halm im Wind

 

Beinahe unbemerkt schmiegt sich der efeublättrige Ehrenpreis, (Veronica hederaefolia), eines der zahlreichen Ehrenpreisarten, an den Boden. Zart wie der zeitige Frühling sind die unauffälligen Blütchen, die rasch verblassen und vergehen.

 

Nicht so das langlebige Scharbockskraut, dessen goldglänzende, in den moosigen Boden eingestreute Sterne die Illusion von Sonnenschein vermitteln.

 

Scharbockskraut, auch Feigwurz, (Ranunculus ficaria, synonym mit Ficaria ranunculoides, der Diminutivform von rana=Frosch) gehört zur Familie der Hahnenfußgewächse, die in einer stattlichen Anzahl von Gattungen und Arten über Mitteleuropa verstreut ist. Der Name stammt aus der Volksmedizin, wo es gegen den "Scharbock" (Skorbut) verwendet wurde. Die Bezeichnung Ficaria (Feigwurz), die auf die feigenähnlichen Wurzelknollen hindeutet, findet sich bereits bei Plinius.

 

Als Pflanze gleicher Gattung stellt sich pünktlich um diese Zeit der Goldhahnenfuß oder Goldschopf (Ranunculus auricomus, aureus=golden, coma=Haupthaar) ein. Man erkennt ihn leicht an den goldgelben, ungleich großen, manchmal auch nur verkümmert entwickelten Blütenblättern. Alle anderen einheimischen "Hahnenfüße", vegetativ schon vorhanden, lassen sich mit Blühen noch ein wenig Zeit.

 

Zunächst einmal sind es zwei Anemonenarten, die dem Wald den Frühlingszauber verleihen.

 

Kahl das Unterholz,

blaue Sterne lugen vor

Leberblümchen sind's

 

Das Leberblümchen (Anemone hepatica, auch Hepatica nobilis nach dem gr. Hepar=Leber), blüht, noch ehe die Belaubung begonnen hat. Seine Blätter erinnern an die dreilappige Säugetierleber. Da nach mittelalterlicher Vorstellung Heilmittel ihre Wirksamkeit durch äußere Gestalt zeigen, galt die Pflanze lange Zeit als Medizin gegen Leberleiden.

 

Hat das Leberblümchen seine Blütezeit beendet, dann schüttet der Frühling seine Lieblingsblumen in den Irrhain:

 

Auf frischer Erde

Buschwindröschens Blütenschnee --

Traum, der schnell vergeht

 

Im hellgrünen Licht

Blüten zart und flatterhaft --

Wind trägt sie davon

 

Ganz allgemein verdanken die Anemonen oder Windröschen (anemos=Wind, nemos=Wald, Hain) ihren Namen den locker sitzenden Blumenblättern, die der Wind ergreift und mit sich fortträgt. Unser weißes, manchmal rosa überhauchtes Buschwindröschen ist das populärste, und seine schier unzähligen Volksnamen wie z.B. Buttermilchblume, Waldröschen, Krähenfüßchen (wegen seiner vogelfußgespaltenen Blätter) zeugen von seiner großen Beliebtheit.

 

Nicht nur Ausdruck für "Mailüfterl" und "Frühlingstraum", wurde es aber auch seit altersher ganz prosaisch seiner therapeutischen Eigenschaften wegen geschätzt. So behandelte man damit (nach Plinius) u.a. Geschwüre und Entzündungen der Augen oder auch Zahnschmerzen und Zahnfleischerkrankungen.

 

Wenn das Buschwindröschen zum Fruchten ansetzt, der weiße Milchstern, graugeworden, verblüht, Maiglöckchen und Salomonsigel Duft und Charme verbreiten, dann beginnt der Hochfrühling mit seiner ganzen Blumenpracht in der steigenden, dem Höhepunkt zustrebenden Sonne. Was Wunder, wenn er so geliebt, so bewundert wird und freudig und wehmütig zugleich immer wieder die Herzen bewegt.

 

Erstes Maiglöckchen --

Blitz der Zuneigung -- klebte

es ins Tagebuch

 

Frühling blau und hell,

es duftet blüht und leuchtet --

leis schwingt die Wehmut.

 

Höhenflüge in Ehren, doch ist es Zeit, zurückzukehren auf den Boden des Irrhains, wo unsre kleine Welt der Pflanzen auf uns wartet.

 

Das kleine Glück

es strömt aus der Wiese

sprudelt am Bach

 

leuchtet vom Himmel,

wenn der Sturm sich verzogen,

es geht auf der Straße

 

und wartet am Wegrand

auf dich --

Auch im Irrhain.

 

Da finden sich Taubnesselarten (Lamium), die, ob weiß, purpur, gold oder stengelumfassend, zur Familie der Lippenblütler zählen und nicht selten, Ausläufer bildend, in Polstern zusammenstehen.

 

Im Gegensatz zur Brennessel (Urtica), dem "Unkraut" mit den bekannt lästigen Brennhaaren, ist die Taubnessel eine "taube", stumpfe, nicht brennende Nessel. Da sie von Bienen, bzw. Hummeln besucht wird, heißt sie auch Bienensaug oder, je nach Gegend, z.B. Honigblümle, Zuckerschnuller (Baden, Elsaß), Hummelsugele (Schweiz). Der Italiener nennt sie Urtia morta, die tote Brennnessel, bei Plinius findet sich der Ausdruck Urtica iners, die Untätige, Faule, und hierzulande nennt man sie auch Blindnessel.

 

Verwendung findet sie in der Volksheilkunde u.a. bei fiebrigen Erkrankungen, und Feinschmecker schätzen ihre jungen Sprosse als Salat.

 

Es wäre kein richtiger Frühlingswald, fehlte die zur Familie der Rauhblattgewächse gehörende Pulmonaria officinalis (lat. pulmo= Lunge). Seit dem Mittelalter gebrauchte man sie gegen Lungenleiden, was ihr den Namen "echtes Lungenkraut" eingebracht hat. Vielleicht steht damit auch die "Lungwurz" der Heiligen Hildegard (aus "causae et curae") in Verbindung. Wie auch immer! Das Lungenkraut ist "Unserer lieben Frauen Milchkraut" oder auch der "Blaue Schlüssel zum Himmel". In Franken heißt es nach dem ersten Kuckucksruf die Kuckucksblume, und mancherorts degradiert man die Vertreter dieser Familie ihrer rauhen Blattbehaarung wegen zu "Bettelmännern". In Oberbayern erinnert man sich an ehemals kriegerische Zeiten und farbenprächtige Uniformen und nennt es infolge des Farbwechsels der Blüten von rot nach blau "Franzosen" oder "Bayern". Der Farbwechsel, nichts Ungewöhnliches, doch beim Lungenkraut besonders stark ausgeprägt, wird durch den Farbstoff Anthozyan verursacht, der im sauren Zellsaft einer aufblühenden Blume bis zur voll entwickelten Blüte im basischen Milieu von rot über violett nach blau umschlägt.

 

Blüht das Lungenkraut ausschließlich im Frühling, so ist die Zaunwicke, die wir als "Einzelstück" entdecken, bis in den Sommer hinein blühend zu finden.

 

Sie heißt wissenschaftlich Vicia sepium (saepes=Zaun) und gehort als Hülsenfrucht zu den Schmetterlingsblütlern. Interessant sind hier vor allem die besonders auffallend entwickelten Nektardrüsen. Die Pflanze bereitet nicht nur in den Blumen, sondern auch auf den "Blattohren" Saft für die Insekten. Manchmal nehmen die Drüsen sogar die ganze Blattunterseite ein und bilden damit einen idealen Sammelplatz für ein Stelldichein zahlreicher Insekten. Die häufigsten Besucher sind verschiedene Ameisen, sogar die große Waldameise läßt sich gelegentlich sehen. Für die Bestäubung kaum geeignet, dürften sie möglicherweise für die Verbreitung von Samen in Frage kommen. Schlupfwespen und verschiedene Fliegen sind Kostgänger, ohne etwas zu bieten. Bienen, ja sogar Schmetterlinge, z.B. der Taubenschwanz, der rüttelnd, in der Luft stehend den Nektar saugt, kommen hinzu. Auch Hummeln lassen sich die Saftmenge nicht entgehen. Recht unsanft und ungeduldig benimmt sich dabei die Erdhummel, die, um an den Nektar zu gelangen, Löcher in die Blumenhülle beißt, durch welche dann auch kleinere Bienen den Honig stehlen. "Wer viel gibt, der hat viel Freunde", sagt ein Sprichwort.

 

Verlassen wir das Gerangel am Futterplatz und begeben uns zu den armen Verwandten der Pflanzenwelt, zu der üppig wunchernden Ruderalflora, zum "Unkraut", das, im Frühling frisch herausgekommen, den Gärtner ärgert und zudem, wie man weiß, "nicht vergeht". Da gibt es den Geißfuß, der mit Ausläufern und Wurzeln den Boden auslaugt, das klebrige Labkraut, das sich einem mit seinen zahllosen Hakenhärchen anhängt, Schöllkraut mit orangegelbem Milchsaft, und die schon erwähnte Brennessel. Freilich, "wer Nesseln pflanzt, kann keine Lilien finden", so das Sprichwort. Und doch hat auch das sogenannte Unkraut im Haushalt der Natur seine Bedeutung und auch seinen Reiz. Das aber wäre ein ausführliches und nicht uninteressantes Kapitel für sich.

 

Zwei Pflanzen sind es noch, die das ganze Jahr über die grünen Blätter behalten und auch im Irrhain vertreten sind.

 

Einmal das Immergrün (Vinca minor), auch Singrün (althochdeutsch von "sin" = dauernd, immer bedeutend), zum andern der Efeu, der bei den Römern edera hieß. (Hedera helix, helix gr. helisein = winden, herumdrehen). Was den deutschen Namen angeht, so gibt es eine Anlehnung an "Heu" (althd. ebihouwi), was in manchen Namen wie z.B. Ebheu (oberdeutsch), Epha (Ostfriesland), Epphae (Schwäb. Alb) u. a noch zu erkennen ist. Während das Immergrün auf dem Boden bleibt (Bodendecker) und vielerorts als "Totenkraut" auf Gräber gepflanzt wird, ist der Efeu weniger den Toten gewidmet, sondern gilt seit dem klassischen Altertum als Symbol der Heiterkeit und Geselligkeit. Er kriecht an alten Bäumen, Mauern, Ruinen u.ä. hoch, ohne, entgegen früheren Ansichten, zu parasitieren oder zu beschädigen. Von den vielen Ungereimtheiten über ihn sei nur die von Plinius erwähnt, der (nach Hegi) "sich wundert, daß man dem Efeu so viel Ehre erweise, da er doch den Bäumen schade, Grabmäler und Mauern sprenge und den Schlangen einen kühlen Unterschlupf biete."

 

Efeu rankt am Baum

tut ihm nichts zuleid, strebt nur

dem Licht entgegen.

 

Abgesehen von aller Ehre, die dem Efeu zuteil wird, ist er als einziger einheimischer Wurzelkletterer auch sonst eine höchst interessante Pflanze. So bildet er nur bei Licht, nicht an schattigen Orten, die rautenförmigen "Lichtblätter" aus, sowie auch die unscheinbaren Blüten, welche im Herbst von Wespen und Fliegen bestäubt werden und im Frühling zu schwarzen Beeren reifen. Wenn es diese im Schattenbereich des Irrhain auch nicht gibt, so finden sich doch die gewohnten gelappten "Schattenblätter", deren Ranken Zäune umwinden, an Bäumen hochklettern und den Boden mit einem immergrünen Teppich bedecken.

 

Der Efeu, Sinnbild der Unsterblichkeit, wurde auch wegen seines rankenden, "sich gleichsam anschmiegenden Charakters" zu einem Symbol der Freundschaft und Treue.