Elisabeth Wolf

Von Michaeli bis Barbara

Ein Herbstspaziergang durch den Irrhain

 

Spätsommertage

sie eilen davon, werden

immer kostbarer.

 

Als Kind stimmte es mich traurig, wenn sich in den letzten Augusttagen die Schwalben auf den Telegraphendrähten zum Abflug sammelten. Ihr Gezwitscher erinnerte mich an das Ende der Ferien und an den näherrückenden Herbst. So zauberhaft ein Spätsommertag auch sein mag, da und dort steckt er doch schon herbstliche Lichter.

 

Herb geht die Luft auf

dem Stoppelfeld. Spürst du den

herbstlichen Atem?

 

Sonnenblumengold

mildert des Sommers Abschied.

Leise Wehmut bleibt.

 

Auch wenn die Tage kürzer, die Nächte kälter werden und Nässe einsetzt, findet man sich mit dem Lauf der Jahreszeiten ab, zumal meist gegen Ende September noch einmal mit sonnigem Wetter zu rechnen ist.

 

Herbstsonne wärmt die

Bank im Garten und lockt zum

kleinen Sonnenbad.

 

 

Altweibersommer nennen wir diese warmen Tage um Michaeli, an welchen junge Grabbenspinnen, auf einem erhöhten Ansitz hockend, einen Seidenfaden in die Luft schießen, von dem sie sich mit dem Windhauch oft kilometerweit davontragen lassen. So findet man oft Wiesen und Hecken von glitzernden Fäden übersponnen. "Fliegender Sommer" wird mancherorts diese herbstliche Schönwetterperiode genannt.

 

An einem dieser seltenen Sonnentage also besuchen wir den Irrhain, um zu schauen, was der Sommer von seinen Blumen zurückgelassen hat.

 

Von der fast das ganze Jahr über fleißig wuchernden Ruderalflora nehmen wir uns eine Pflanze heraus, die unseren Weg säumt und wirklich als eine übriggebliebene Hochsommerblume gelten kann, denn ihre Blütezeit beginnt mit der Sommersonnenwende und endet bei Herbstbeginn. Jeder kennt sie. Es ist die zur Familie der Korbblütler zählende "Gemeine Wegwarte", auch gelegentlich unter dem Namen Zichorie, Faule Gretl oder Schlempekraut bekannt. Die wissenschaftlichen Namen Cichorium intybus gehen auf den Arzt, Botaniker und bedeutendsten Pharmakologen des Altertums zurück: Kichorion, was dem deutschen Wegwarte entspricht und intybus vielleicht von entomos (eingeschnittene Blätter).

 

In dem Werk "Sommerblumen" von Carus Sterne aus dem Jahre 1884 erinnert der Name Wegwarte an das alte deutsche Pflanzenmärchen, "daß die Pflanze vorher ein Mädchen gewesen sei, welches auf ihren Geliebten wartete, der sie verlassen hatte oder in der Schlacht gefallen war, und nun am Wege nach allen Himmelsrichtungen ausblickt, um ihn zu erspähen." Dazu ein Verslein von Hans Vintler im Volksmund der Tiroler Sage aus dem Jahr 1411:

 

Viele bezeugen, die Wegwart

Sei gewesen ein Fraue zart

Und warte ihr's Buhlen mit Schmerzen

 

In einem schlesischen Volkslied erwidert sie auf die Mahnung, sich zu trösten:

 

Eh als ich laß das Weinen stehn,

will ich lieber auf den Wegscheid' gehn

Eine Feldblum dort zu werden

 

Diese Pflanze mit ihren blaßblauen Blütenkörbchen steht vereinzelt oder truppweise am Weg- und Straßenrand, aber auch an " wüsten Plätzen" wie Bahndamm oder Schutt. Daher wohl die Volksnamen Schlempekraut und Faule Gretl.

 

Der sehr alte Name "Hindläufte", heute nur noch selten gebraucht, stammt aus dem althochdeutschen "hintloipha" und weist auf die "am Lauf der Hinde (Hirschkuh)" an Waldwegen wachsende Pflanze hin.

 

Der Name Zichorie dagegen ist auch der Name für den aus der Wurzel bereiteten, heute nicht mehr so geschätzten Kaffeezusatz (Kaffeewurz). Auch als Droge, früher bei Leberleiden empfohlen, besitzt "Radix Cichorii" keine Bedeutung mehr.

 

Bleiben wir noch ein wenig im "Ruderalmilieu" und lassen uns überraschen von einem Kraut, dessen originelle Samenverbreitung immer wieder ein kleines Erfolgserlebnis ist für Menschen, die sich die Freude an kleinen Dingen bewahrt haben. Es durchwuchert Wälder, feuchtes Gebüsch und ist auch im Irrhain tausendfach anzutreffen. Es ist die "wilde Balsamine", Springkraut oder auch Springsame. Eine aufregende Pflanze! Denn schon bei der leichtesten Berührung "explodieren" die reifen Kapseln und schleudern ihre Samen bis zu sechs Meter Entfernung im Umkreis davon. Auf diese Eigenschaft beziehen sich fast alle volkstümlichen Namen, wie z.B. Hüpferling (Thüringen), Huppemannl (Westböhmen), Schreckerli (Aargau) oder Altweiberzorn (Österreich).

 

Der Name "Kräutlein rühr mich nicht an" soll aus dem Holländischen stammen. Ihm legte Dodonaeus (nach Hegi) den lateinischen Namen Impatiens bei. Damit entstand der Warnruf: "Ungeduldiger, rühr mich nicht an" (Impatiens noli me tangere), was nebenbei auch das neckische "Nolimetangerl" aus Österreich erklärt.

 

Hieronymus Bock, Prediger, Arzt und einer der "Väter der Botanik", schreibt in seinem 1539 erschienenen " Kreutterbuch von Underscheidt, Würkung und Namen der Kreutter, so in teutschen Landen wachsen" folgendes:

 

"Wenn man dasselbig Kraut nur ein wenig anrührt, so springen die Samen Einem alsbald in's Gesicht, als wenn es erzürnt wäre, und sich dächte, solches Angriffs halber zu rächen, daher es auch Noli me tangere genannt wurde... Es wollen Etliche groß Abentheuer mit dieses Krauts Samen brauchen, allerlei verborgene und verschlossene Schätze damit zu suchen und die Thore zu eröffnen, welches doch eitel Phantasie ist und müßiger Leute Gedenken, so sich lieber durch Müssiggang als durch ihrer Hände Arbeit ernähren wollen."

 

Beachtlich ist der Einfallsreichtum der Natur, ganz besonders, wenn es um die Verbreitung der Samen geht. So soll uns der Schleudermechanismus des Springkrautes eine nähere Betrachtung wert sein.

 

Der Frucht besteht aus fünf Fruchtblättern, die mittels einer "Naht" zu einer Röhre verwachsen sind. Sie sind mit zwei Gewebeschichten ausgestattet , einer äußeren, bestehend aus Zellen, die infolge ihrer hohen Turgorkräfte das Bestreben zeigen, sich in der Längsrichtung der Frucht auszudehnen (Schwellkörper) und einer inneren, bestehend aus Faserzellen, die das Verlängerungsbestreben des Schwellkörpers nicht nur nicht mitmachen, sondern sich im Laufe der Reifung sogar verkürzen. So muß sich während des Reifungsprozesses der Schwellkörper nach innen krümmen, was wiederum zu einer starken Gewebespannung führt. Dieser hält das Fruchtgehäuse nicht stand. Die "Nähte" zwischen den Fruchtblättern lösen sich und die Krümmungstendenz des Schwellkörpern wirkt sich explosionsartig aus. Die Ansatzstelle des Fruchtstiels reisst, die Fruchtblätter rollen sich schlagartig nach innen und schleudern die Samen fort.

 

Der Herbst kleckst seine

Farben in den Wald.

Sonne bringt das Gold dazu.

 

Langsam stellt sich die Natur auf den Winter ein. Auch der Irrhain rüstet sich für die kalte Jahreszeit. Wir streifen durch das Unterholz von Eiche, Linde, Ahorn, entdecken darunter vereinzelt die Fiederblätter von Eberesche neben den goldbraun gefärbten Fächern einer Roßkastanie und kämpfen uns schließlich durch Besenginster und dichtes Brombeergestrüpp, das sich mit seinen Stacheln an uns klammert, so als wollte es sagen: Haltet ein und schaut!

 

Das Brombeerblatt in meiner Hand, es kommt mir vor, als sähe ich auf die Palette eines Malers, der die Farben des Herbstes zu einem Gemälde kombiniert: Gelb -- Orange -- Rot -- Braun mit etwas Gold und einem Schimmer Grün.

 

Zeit der Laubfärbung. Zauberhafter Oktober!

 

Bunter Oktober,

frecher Harlekin, schäkert

und spielt mit dem Wind.

 

Galgenhumor der

Natur, verschwendet leuchtend

ihre Farbenpracht.

 

Doch die Natur ist anders. Sie verschwendet nichts, im Gegenteil. Mit der Laubfärbung beginnt sie den Winter vorzubereiten. Das was uns am farbigen Herbst so gefällt, das ist für sie zwingende Notwendigkeit, denn sie kann sich den Verlust der Blätter, die, dem Winterfrost preisgegeben, erfrieren würden, nicht leisten. Sie wirft sie ab, aber nicht ohne zuvor die sich im Blattgrün (Chlorophyll) befindenden kostbaren Assimilate in Sicherheit zu bringen. Man möge mir hier einen kleinen Exkurs in die Chemie gestatten, denn es ist nun einmal so, daß unsere ganze herrliche Natur nur durch das Zusammenwirken von zahllosen chemischen Prozessen, ständigem Aufbau und Zerfall chemischer Verbindungen funktioniert. Die Assimilationsstärke, mit Hilfe von Licht und Chloropyll aus dem Kohlendioxid der Luft erzeugt, wird in löslichen Zucker umgewandelt, in Speicherorgane, wie Knollen oder Wurzelstöcke, abgeleitet und dort als Reservestärke gelagert, bis sie im Frühling für frische Blätter neu gebraucht wird. Das Chlorophyll ist eine komplizierte chemische Verbindung, dessen Zentralatom Magnesium die grüne Farbe bewirkt. Wenn nun im Herbst die Blätter absterben, wirkt der saure Zellsaft auf das Chlorophyll ein und löst das Magnesium aus dem Molekülverband. Das Blattgrün wird abgebaut, und die von ihm verdeckten gelben (Xanthophylle) und orangrotenen (Karotinoide) Farbkörper werden sichtbar. Diese bestimmen unsere Herbstfärbung , werden aber letztlich ebenfalls zersetzt. Übrig bleibt dann das postmortal braune Herbstlaub, das vermodert und zu neuer Erde wird.

 

Prächtig fällt das Laub,

wird Erde, neue Knospen

träumen vom Frühling.

 

Nach stürmischer Nacht

klarer Morgen. Am Fenster

klebt ein Ahornblatt.

 

Nebel fein gewebt

hängen überm Land, hüllen

Gut und Böse ein.

 

Wenn die Novemberstürme Laubbäume und Hecken leerfegen und eintöniges Grau zurücklassen, wenn die Nebel aufsteigen, die Tage kürzer werden und nur schüchterner Sonnenschein den Waldrand streift, dann fallen als verbliebene Farbtupfer die Früchte von einigen Waldbegleitern auf. Dies sind vor allem Holunderbeeren, orange-rote Pfaffenhütchen und Hagebutten, nicht zu vergessen die weißen Schneebeeren, die alle im Spätherbst bis weit in den Winter hinein eine willkommene Nahrung für Vögel bedeuten.

 

 

Ein Sonnenfleck. Rot

glüht der Feuerdorn und rot

die letzte Rose.

 

Mit der letzten Rose nehmen wir Abschied vom Herbst, und wenn die Adventszeit kommt und der erste Schnee die Erde deckt, dann stellt man sich auf das Weihnachtsfest ein und beginnt mit den Vorbereitungen. Dazu gehören in manchen, meist bäuerlichen Familien auch die "Barbarazweige".

 

Nach altem Volksglauben bringen Kirschzweige, die in vorweihnachtlichen Nächten, besonders aber an Barbara (4. Dez.) geschnitten werden und in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr aufblühen, Glück für das kommende Jahr.

 

Sicher ist, daß Kirschblüten in der tiefsten Dunkelheit des beginnenden Winters Freude bereiten, vielleicht auch einen Lichtblick bedeuten in Erinnerung an den Frühling, der immer wieder kommt.