Dr. Elisabeth Wolf

Eine Sommerbetrachtung am Irrhain

 

Rosenrot hängt der

Sommer in den Hecken und

verströmt seinen Charme

 

Blaue Luft schwebt im

Sonnwendlicht, flimmert, schwingt und

duftet -- Rosenzeit

 

Besonders schön ist die Natur zur Zeit der Sonnenwende. Da kommt mir auf dem Weg zum Irrhain ein Lied von Paul Gerhardt (entstanden 1653) in den Sinn:

 

Geh aus mein Herz und suche Freud

in dieser lieben Sommerzeit

an deines Gottes Gaben --

 

Paul Gerhard, dessen Lieder den Höhepunkt der religiösen Lyrik seiner Zeit bedeuten und weit über die Konfessionsgrenze hinauswirkten, wurde 1607 in Gräfenheinichen bei Wittenberg geboren, just im gleichen Jahr, in welchem auch Georg Philipp Harsdörfer in Nürnberg das Licht der Welt erblickte. So sind sie Zeitgenossen und in der Epoche des Sprachverfalls nach dem 30-jährigen Krieg offensichtlich gleichermaßen von der schönen Dichtung beseelt.

 

In Gedanken an Harsdörfer und die Pegnitzschäfer nähern wir uns an einem dieser Hochsommertage dem Irrhain. Wenn auch im Dämmerlicht des Waldes der farbenreiche Blumenflor des Hochsommers, den uns Wiesen und Gärten bescheren, fehlt, so sind wir doch überrascht, die gelblich weißen Blüten der ährigen Teufelskralle (Phyteuma spicata) in erstaunlich großer Zahl anzutreffen. Wie man sieht, ist diese Pflanze mit weniger Licht zufrieden, im Gegensatz zu den verschiedenartigen Sträuchern, die sich den lichten Waldrand aussuchen und deshalb auch als die "Waldbegleiter" bezeichnet werden.

 

Da blüht einmal Evonymus Europaea, das Pfaffenhütchen oder Gemeiner Spindelbaum. Der Name Spindelbaum (althochdeutsch spinnibloom) rührt von seiner Verwendung her. Das Holz des Strauches wurde zu Spindeln verarbeitet. Bei der heiligen Hildegard von Bingen heißt der Strauch Spinelbaum. Überwiegend gehen die Benennungen jedoch auf die Gestalt der Früchte zurück, die häufig mit dem Barett katholischer Geistlicher verglichen werden und in vielen Mundarten wiedergegeben sind, wie z.B. Papenmütze (Göttingen), Paterkapl (Österreich), Pfaffenschläppla (bayr. Schwaben). Sein häufiges Vorkommen in den Hecken, auf Lesesteinen zwischen Äckern, an alten Mauern, sogar auf Weidenstümpen ist wohl hauptsächlich auf die Verschleppung durch Vögel (Rotkehlchen, Elstern, Drosseln) zurückzuführen. Diese zeigen eine gewisse Vorliebe für die bunten Lockfarben der Früchte, aus deren roten Kapseln kräftig gelb gefärbte Samenfäden hervorleuchten.

 

Bei uns wächst er sehr gern im dornigen Gebüsch, zusammen mit Schlehdorn, Weißdorn, Hundsrose (Heckenrose), Liguster, Hartriegel und dem Brombeer- oder Himbeergestrüpp.

 

All das finden wir auch am Irrhainrand, wobei allerdings die vielgepriesene und besungene Heckenrose (Rosa canina) ihren Sommerzauber nicht ganz zur Geltung kommen läßt.

 

Um so prächtiger zeigt sich der Holunder, dessen weiße Blütenteller, der Sonne zugewandt, weit in die Landschaft hinein sichtbar sind.

 

Von drei einheimischen Holunderarten finden wir hier, wie fast überall an Waldrändern und in Gärten, ausschließlich den schwarzen Holunder (Sambucus nigra).

 

Sambucus, auch sabucus, war der Name des Holunders bei den Römern. Holunder, süddeutsch verkürzt in Holder, wird abgeleitet von ahd. holantar (Baum der Holle?, hohler Baum?). In diesem Zusammenhang wären vielleicht Orts- und Familiennamen interessant, wie z.B. Hollerbach, Hohlheim, Holl, Hölderlin. Der schwarze Holunder war der Frau Holle geweiht, und es ist anzunehmen, daß sich hinter Holle (Hulda) die germanische Gottheit Hludana (Huldana) verbirgt.

 

Im süddeutschen Raum heißt Holunder (aus der Familie der Geißblattgewächse) auch Holler, was zu Verwechslungen mit dem Flieder (Syringa vulgaris, aus der Familie der Ölbaumgewächse) führt, der oft fälschlich Holler oder Holunder genannt wird. In dem Volkslied: "Rosenstock, Holderblüh --" kann nur Sambucus nigra gemeint sein, denn nur er blüht zur Zeit des Sonnenhochstands mit Rosa canina zur gleichen Zeit.

 

Holunder war den Germanen heilig, daher wurde das Vernichten eines Holunderstrauches streng bestraft. Wenn auch seine Beseitigung schon längst nicht mehr geahndet wird, so hat er doch seine Popularität behalten und spielt im Glauben und Brauch des deutschen Volkes nach wie vor eine große Rolle. Als ein treuer Begleiter des Menschen wächst er ohne besondere Pflege auf dem Lande bei den Wohnstätten, und auch heute noch scheut man sich, einen Holunderstrauch umzuhauen oder Holunderholz zu verbrennen. Ein alter, weit verbreiteter Bauernspruch sagt: "Vor einem Holunder muß man den Hut abnehmen."

 

So darf es auch nicht wundern, wenn sich um die Hollerstaude so mancher Volksglaube bzw. Aberglaube rankt, der in ländlichen Gegenden zumindest unterschwellig noch vorhanden ist.

 

Der Legende nach soll unter einer Hollerstaude die Gottesmutter Maria auf der Flucht nach Ägypten gerastet haben, deshalb wird er nach altem Volksglauben verehrt wie ein Heiligenbild. Im Mittelalter wurde Holunder mit dem Teufel in Verbindung gebracht (franz. auch "arbre Judas"). Andrerseits sah das Christentum des Mittelalters im Holunder ein Gleichnis für Gut (Blüten duften süß) und Böse (Blätter schmecken bitter), was wohl auf Christ und Antichrist deuten will.

 

Eine Kräuterhexe weiß zu berichten, daß mit einem Absud aus Holunderblättern mehltauanfällige Pflanzen mit Erfolg gespritzt und Fliegen nachhaltig abgewehrt werden können. Auch verstünde sie gut, "eine Tatsache über den Holunderbusch als Magie weiterzugeben unter Hinzufügen einer Beschwörungsformel". Versteht sich!

 

Daß die Blüten und Früchte als Genuß- und Heilmittel auch heute noch bzw. wieder gern verwendet werden, ist bekannt.

 

Nicht versäumen möchte ich in diesem Zusammenhang, über eine höchst kulinarische Sitte zu berichten, die ich vor vielen Jahren bei Bauern in Altbayern kennengelernt habe. Am Johannistag werden die Blütendolden des Holunders in Pfannkuchenteig getaucht und als "Hollerstrauben" in schwimmendem Schmalz knusprig gebacken. Es heißt "wer sie ißt, der wird im ganzen folgenden Jahr nicht krank werden." Ob ich in diesem Jahr krank geworden bin oder nicht, weiß ich nicht mehr. Aber daß die Hollerstraube eine seltene Köstlichkeit, eine Spitzendelikatesse war, das ist mir lebhaft in Erinnerung geblieben.

 

Und was sagt die Blumensprache über den Holunder?

 

"In allem dir vertraut, mit meinem Glück und meinem Leben dir verbunden."

 

Nach diesem kleinen romantischen Exkurs zurück zum Irrhainrand. Hier seien die "Klassiker" unter den Waldbegleitern abschließend kurz erwähnt: Salweide, Hasel und in Franken auch die Linde, soweit sie, wie es im Irrhain der Fall ist, als Unterholz vorkommt. Sie erinnern mit ihren Samen bzw. Früchten schon ein bißchen an Herbst und Vergänglichkeit, was uns jetzt im Augenblick unter der Junisonne noch wenig berührt.

 

Noch einmal werfen wir einen Blick in den Wald, nicht ohne Ehrfurcht vor den Bäumen, deren Kronen rauschen und ein wenig an Ewigkeit erinnern.

 

Mächtige Bäume

der Wald ruht im Dämmerlicht

ich atme Stille

 

Schlanke Halme im

Wind -- bald kommt euer Schnitt -- dann

atme ich Heuduft.