Inge Meidinger-Geise

Pegnesen schreiben

Eine Anthologie



Ein Spektrum von einem Dutzend Mitgliedern des Pegnesischen Blumenordens in den Jahrzehnten unseres Jahrhunderts soll dokumentieren: 'Pegnesen' schrieben, schreiben engagiert als Freunde der Sprache, der Wissenschaften, der Dichtung. Sie schrieben und schreiben als Fachwissenschaftler, als Gelegenheits-Lyriker, als Schriftsteller von differenzierten Positionen und Graden. Gemäß der Struktur des Ordens seit je treffen sich im Wort eben nicht nur Literaten, nicht nur Männer. Bürgersinn, nationale und regionale Akzente zeichnen sich aus ebensolchen Wurzeln ab, dazu kritische Blicke auf Zeit- und Landschaftskulissen, liebevolle Nachdenklichkeit über die Natur, Wachheit gegenüber ihrer Wandlung. Diese kleine Sammlung ist als Auswahl ein Beitrag zur Ordenscharakteristik. Ich erlaubte mir als Zugehörige ebenfalls in dieser Runde, entgegen sonstigen Gepflogenheiten bei umfassenden oder auch so speziell begrenzten 'Anthologien' wie dieser hier, Stimme zu sein. Daß in dieser Sammlung Lyrik als 'Auskunft' sich anbietet, wird der Leser hoffentlich akzeptieren.
Der Einblick zum Jubiläum mag auch ein wenig Ausblick herausfordern: Sprache, geformte Gedanken in einer Zeit, die durch ihre Probleme vor Erbaulichkeiten und Genügsamkeiten warnt dies bedeutet ständige Revision von Erbe und Experiment im Bereich des Redens und Schreibens.

Elisabeth Fürst



Geboren 1904 in Nürnberg. Oberlehrerin i.R. Veröffentlichungen: Lyrik und Prosa in Mundart ('Stadt-Nürnbergisch') und Hochdeutsch. Spiele, auch mit lokalem Bezug.
Aus Land der Silberdistel. Gedichte aus dem Nordgau. Nürnberg 1966, S. 38:


VERLASSENES WASSERSCHLOSS


Altes Wappen, halbversunkne Mauer
und Jasmin im Regengrün,
gelbe Lilien im verschilften Graben
und Holunder
hängt die Tellerblüten drüber hin.

Gittertor liegt rostig in den Nesseln,
Spinne webt im morschen Stiegeneck,
hinter blinden Fenstern,
auf verstaubten Brettern
haben Maus und Ratte ihr Versteck.

Tropfen pochen dumpf wie fremde Schritte,
Regenwind rauscht durch das nasse Blüh'n;
niemand kommt. Tief neigt sich müd die Mauer,
schwer von alter Not und Lieb' und Trauer --
Haus und Zeit versinkt im Grabengrün . . .



Aus Heimat Europa. Gedichte. Nürnberg 1963, S. 70:

NÄCHTLICHE UNIVERSITÄT


Lichtleiter
aus Glas und Beton,
metallstab-gleißend,
voll grüner Schatten
bizarrer Pflanzen,
stürzt gelbe Bäche
in dunkle Quadrate
steinerner Höfe.

Köpfe, junge,
niedergebeugt
in hellen Rechtecken
unter blendenden
Neonstäben,
umrauscht von Worten,
hypnotisiert
von Definitionen,
schillernd stürzenden
Wortkaskaden --
licht-betäubt
im Halbschlaf lauschend,
eigen-träumend
hinter den gelben
Glasmetallwänden
vor schwarzer Stille
der steinernen Höfe . . .


Johannes Geiger


Geboren 1929 in Nürnberg. Studiendirektor a.D. Ordensrat bei den Pegnesen, Vorsitzender von mehreren Vorständen zur Zeitgeschichte. Veröffentlichungen: U.a. Politische Aufsätze zur Deutschland- und Europa-Politik; Herausgeber von Checkpoint Deutschland (Magazin zur Deutschlandpolitik im Großraum Nürnberg-Fürth-Erlangen); Mitarbeit bei Flug über Nürnberg, eine Stadtkunde. Gelegenheitslyrik.

Bekenntnisse einer Elfjährigen


Was Freiheit ist und Verantwortung
wollt ihr wissen? In der Familie ist es so:
die Eltern haben die Freiheit
ein Kind zu kriegen
und bei uns allen ist dann die Verantwortung

Viele Ausländer sind nett
aber die meisten benehmen sich wirklich übel
man muß sie verstehen, wenn sie klauen
denn schließlich haben sie nichts
und bei uns gibt es fast alles

Wir brauchen das zweite Auto,
mußt du wissen
wenn die Mama mit dem Kinderwagen
in den Bus will, ist die Tür zu eng
und niemand hilft mit der Lisa und Clara

Im Zeugnis steht was von Ordnung
aber wenn die Lisa mit Legos herumwirft
und den Büchern
und kein Platz für die Pampers
und das Bonbonpapier im Abfall
aber jeder sagt, das wird dann schon besser

Wenn man Jurist ist, kann man alles erreichen
und ich möchte den Wald retten
und vielen helfen, denen es schlecht geht
uns geht es doch wirklich gut
und die Glotze schalten wir meistens schnell aus.


Hans König


Geschäftsführer des Verbandes Fränkischer Schriftsteller, geboren 1925 in Erlangen. Verwaltungs-Oberamtsrat i.R. Seit 1967 Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in ostfränkischer Mundart und auch in der Hochsprache. Auszeichnungen u.a.: Kultureller Ehrenbrief der Stadt Erlangen 1989; Bundesverdienstkreuz am Bande 1991. Titel von Büchern von Hans König u.a.: Schau i nei ins Spiegela, Heroldsberg 1978; Anekdoten, Erzählungen, Originale aus Erlangen, Gummersbach 1981 u. 1988; Burschen, Knoten und Philister, Erlanger Studentenleben, Nürnberg 1983; Dahamm in Erlang -- Neue fränkische Mundartdichtung zur Zeit. Erlangen 1990; Wie es Lem so is, Texte zur Zeit, vorwiegend in Erlanger Mundart, Palm & Enke Erlangen 1993.
Die folgenden Gedichte sind Originalbeiträge, vorgesehen für neue Lyrik-Publikationen:

Wohnlandschaft


Vierazwanzgsteckia Baukastnhaiser
mit schwindsichtia graua Zementgsichter
glotzn aus faltnlosa Larvn
iebä alta kunstvolla Barockhaiser
und Haiser in Jugndstil
weit naus ins Land.

In ihrn Schattn
duckn si ängstli
alta Kercherstirm
die blos nu bein Glocknlaidn
dro erinnern
daß do sin.

Die Leit die do wohna
kimmern si net umanandä
sie kenna si net
sie redn net mitanandä
und si sehng si aa net
außä in Aufzuch.
Wenn do aan vo ihna
hindä seina Tier woß passierd
merkns die andern erschd
wennä durchs Schlissloch
rausstinkt.


Regnitz


Verschämt
verbirgst du
dein aschgraues Gesicht
hinter
sich verneigendem
Schilf
und unter
den langen Haaren
der Trauerweiden.

Elstern
Raben
und Krähen
begleiten dich
schäckernd
und kreischend
bis Bamberg.

Dein Gang
schlurft müde
über das Wehr
beim Kirchturm
Sankt Peter und Paul.

Schwefelgewürzt
dreht sich
dein Atem
in der Luft
an der Wöhrmühle.

Fette Wiesen
wetteifern sauer
um die Gunst
deiner Nässe.

Nur
die Natur
rings um dich
und die
Schöpfräder
um Möhrendorf
danken dir
ihr Dasein
seit eh
und je.



Dr. Hermann Kuprian


Mitglied des P.E.N., Mitbegründer und 20 Jahre Präsident des 'Turmbundes', Gesellschaft für Literatur u. Kunst, lnnsbruck. Geboren 1920 in Tarrenz bei Imst, gestorben 1989 in Innsbruck. Professor in Innsbruck. Veröffentlichte Lyrik, Prosa, Essays, Dramen. Auszeichnungen u.a.: Dramatikerpreis der Landeshauptstadt Innsbruck; Österr. Ehrenkreuz für Kunst u. Wissenschaft; Zenta-Maurina-Preis für Literatur 1979 (Westfalen). Titel von Büchern von Hermann Kuprian u.a.: Orphische Gespräche. Poetische Texte. München 1970; Menschenflamme. Monodrama. Darmstadt 1977; Ahasver. Einakterzyklus in 6 Teilen. lnnsbruck 1984.

Gedichte aus 'Abendländische Melancholie', Wien 1963:

O DIE WELT DER DUNKLEN GÄRTEN


o die welt der dunklen gärten.
stets verlorne vögelweisen,
sterne im geleucht der ampeln,
und die straßen asphaltglänzend.

knatternd rast ein später motor.
nebel ziehn vom nahen flusse,
und die scheiben der geschäfte
löschen ihre neonflammen.

nur das herz verglüht in trauer,
und die menschen schlummern sanfter.
zwei umarmungen noch immer,
und auf lippen tasten lippen,
tasten hände um die hüften.

o die welt der dunklen gärten.

(S. 42)

ZWISCHEN ROM UND NAGASAKI


vor den schlünden
der atomkanonen
stehen die kinder,
beißen das brot der ähren --
und sie spielen
untergang.

zwischen rom und nagasaki
atmen wir noch
reiner blumen
duft in gärten
früher zeiten.

aber aus den lüften
strahlen schon atome.
irr durch die wolken
treffen sie die lenden.
unfruchtbar im schoß ver-
kümmern wie die mädchen
auch die denker.
menschen waren.

vor den schlünden
der atomkanonen
stehen die kinder,
beißen das brot der ähren,
und sie spielen
untergang.


(S. 78)




Wilhelm Malter


Mitglied des Verbandes Fränkischer Schriftsteller. Geboren am 7. 3. 1900 in Nürnberg, gestorben am 12. 8. 1993 in Nürnberg. Staatsbank-Amtmann i.R., Träger der Bürgermedaille der Stadt Nürnberg, Mitglied des Collegiums Nürnberger Mundartdichter und des Pegnesischen Blumenordens. Veröffentlichte Lyrik (auch in Mundart), Prosa, auch lokalgeschichtlich, und Wander- und Reisebücher, Spiele. Titel von Büchern von Wilhelm Malter u.a.: Altnürnberger Weihnacht, 1962; 's Joahr göiht rum, 1970, beides Nürnberg.
Hier ein Gedächtnisblatt für ein wesentliches Mitglied des Pegnesischen Blumenordens:

Ein Lebensbild


(Univ.Prof. Dr. Eberhard Frhr. von Scheurl)

Ich war ein Bub noch, spielte in den Gassen
Alt-Nürnbergs, das noch unversehrt und schön,
Da sah ich öfters einen schlanken, blassen
Und schneid'gen Offizier vorübergehn.
Hellblau die Uniform und blau die Augen,
Voll Frohsinn blitzten warm sie und geweckt.
Das war ein Mann! Der konnt uns Buben taugen --
"Ein Oberstleutnant" hieß es voll Respekt.

Erst später dann erfuhr ich auch den Namen:
Ein Adelsname von berühmtem Klang.
Die Zeit verging. Die schlimmen Jahre kamen
Mit Krieg und Hunger, Ungemach und Drang.

Ein altes Mütterchen schob einen Wagen
Mühsam empor die Straße, die so steil.
Es half ihr niemand, ach, es mußt sich plagen.
Maulaffen hielten viele andre feil.
Da eilte her der Hochgewachsne, Schlanke,
Legt Hand an, schob -- er war sich nicht zu fein,
Half, wo er konnt, entfloh bewegtem Danke
Des Mütterchens, als könnts nicht anders sein.
Des Standes ist er wohl bewußt gewesen,
Doch keine Spur von hochgetragnem Stolz.
Es strahlte Güte aus dem ganzen Wesen.
Er war gewißlich doch aus edlem Holz.
Es grüßten ihn so ehrfurchtsvoll die Leute,
So höflich zog er tiefer noch den Hut.
Es ist wohl keiner, den es jemals reute,
Daß er ihn kennen lernte. Er war gut.

Ich selber durfte in Beziehung treten
Zu ihm, den einstens ich verehrt von fern.
Aus allen Taten und aus allen Reden
Gab sich der Geist kund eines edlen Herrn.
Er war die Leuchte vieler Wissenschaften.
Wieviel Studenten lauschten seinem Wort?
Und was er gab, das blieb in ihnen haften,
Sie trugen, was er lehrte, mit sich fort.
Den Künsten war er Freund zu allen Zeiten,
Mäcenas, wie die Welt ihn heut entbehrt.
Die Musen durften seinen Weg begleiten,
Sie machten leicht ihm, was ihn je beschwert.
Das Schicksal hat ihm manchen Schlag bereitet.
Noch liegt das Stadthaus öd vom Bombenbrand.
Sein Gottvertrauen hat ihn stets geleitet,
Daß er in sich die reichste Fülle fand.

Ein Lebensbild, nur flüchtig festgehalten
Macht nicht sein letztes Wirken offenbar.
Sein Bild lebt weiter -- Jungen wie auch Alten,
Weil all sein Wesen so voll Güte war.


Lothar Lippmann


Geboren 1917 in Frankenberg/Sachsen. Seit 1972 wohnhaft in Nürnberg. Tätig nach Studium vom Maschinenbau und Technischer Physik u.a. in der Öffentlichen Verwaltung, in der EDV-Beratung (leitender Angestellter, Geschäftsführer, freiberuflicher Mitarbeiter). Veröffentlichungen von Lyrik, Aphorismen. Titel u.a.: Aus dem Hauptbuch meiner Zeit. 1987.
Textproben aus dem Werk:

ÜBERGANG


Ein kurzer Sommer war's. Die Nächte frieren
und decken sich mit weißem Nebel zu.
Frag nicht den Tag. Was sind wir, ich und du,
wenn sich im Fahlen Wort und Bild verlieren?

Im Sog der Zeit verschmelzen die Konturen.
Das schon Gedachte kehrt in sich zurück.
Die Sprache wandelt durch den Augenblick
und prägt allein noch keine neuen Spuren.

Was aus der Zukunft kommt, geht mit dem Licht
den Schatten zu, die aus der Tiefe wallen.
Im Mittelpunkt, wo sich die Sonnen ballen,
verhüllt des Raumes Leere das Gewicht.

Im Übergang erst, wenn die Schleier fallen,
zeigt sich der Wahrheit flammendes Gesicht.




SONNENUNTERGANG IN DER GROSSSTADT


(Den Manen Hölderlins)

Kein Sonnenjüngling lockt, der die Leier spielt
am Sommerabend, ehe der Tag versinkt
im Dunst der Stadt. Denn Wald und Hügel
sind in Beton und Asphalt ertrunken.

Vergebens lauscht die Seele hinaus und sucht
fernab den Horizont. Doch ein Wall aus Stein
versperrt den Weg der Sehnsucht. Schatten
wachsen herauf, um das Licht zu stehlen.

Die Hast der Stunde achtet der Dinge kaum
und unbemerkt vollzieht sich der Untergang.
Der Technik Macht vertrieb die Götter
ohne Ersatz aus der Welt der Menschen.

 

Horst Ludwig


Geboren 1936 in Ritterswalde b. Neiße, Oberschlesien. M.A., Assoc. Prof. of German, Gustavus Adolphus College St. Peter, Minnesota, U.S.A. Herausgeber bei Schatzkammer der deutschen Sprache, Dichtung und Geschichte seit 1991. Veröffentlichungen: Lyrik, Fachaufsätze. Titel u.a.: Wind im Bambusspiel, 36 Haiku, 1981, übersetzt ins Englische 1991.
Textproben:

Via Appia


Qualen strotzt die Straße,
Schreie stürzen nieder,
Zuckend sterben Glieder.
Vögel wittern Fraße.

Lustvoll fühllos schlagen,
Brechen Schächer Beine.
Sklavenfreiheit -- eine:
Kreuze Tote tragen.

Kreuz an Kreuz und Leichen
Strafen Freiheitsmut.
Hohn und Häscherwut --
Kreuze sind das Zeichen.



Unsere Schatten


Zur eisig-sonnigen Mittagsstunde
sah ich dein weißes Spiegelbild
tief in dunkler feuchter fruchtbarer Erde

Ich nicke dir ein Versprechen zu
ich werde nichts sagen

Du wendest das Gesicht
zur Sonne und schließt die Augen
zur Sonne und schreitest vor
aus deinem Schatten

Ich wende das Gesicht
aus dem blendenden eisigen Wind
und sehe wie
unsere Schatten
der Schnee wegsaugt


 

Dr. Inge Meidinger-Geise


Mitglied des P.E.N., Vorsitzende der Europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE e.V. (1967-1988), seit 1988 Ehrenvorsitzende. Geboren 1923 in Berlin, seit 1943 wohnhaft in Erlangen. Freie Schriftstellerin. Veröffentlichungen von Lyrik, Prosa, Essays, Hörspielen. Auszeichnungen u.a.: Kulturpreis der Stadt Erlangen, 1972; Wolfram-von-Eschenbach-Preis, 1988; Ehrenkreuz des Pegnesischen Blumenordens, 1993. Jüngste Buchtitel: Bodenpreise, Roman, Erlangen 1993; Siebzig und mehr, Ausgewählte und neue Gedichte, Lahnstein 1993.
Textprobe, Originalbeitrag:

Alpen-Fermate


Riesenleiber umschweift der Wind
und tut lieblich.
Aber ich ducke mich
in den Ernst der grünen Gewalt,
der schieferäugigen Höhen.
Rückfall der Zeit
macht mein Blut dünn.
Zur Echse habe ich Neigung
und lasse sie mit ihrem Leib
meine Sprache überglänzen.
Wegsinkt mein Schatten
in die Brände der Felsen
am Mittag.
Es bleibt das Atmen
zu verwitternden Himmeln.


Fälliges


Den kalkbergigen Horizont
tuschen Wolken dunkel.
Dahinter liegt der gewittrige Abendtiger.
Mit stürmischer Kühle
springt er die Häuser an.
Das ist die Stunde der feurigen Bilder
von Not und Angst und Gebeten
durch die Wolken
über den verzerrten Himmel
mitten zwischen die wartenden Sterne
und ihr Wiederkommen.



Dr. Alfred Rottler


Mitbegründer des deutschen Schriftstellerärztebundes; Generalsekretär der Un. Mondiale D'…crivains Médecins. Geboren 1912 in Nürnberg. Dort seit 1936 Arzt (Sportarzt), seit 1968 Schriftstellerarzt. Veröffentlichungen von Lyrik, Romanen. Aphorismen. Buchtitel u.a. Den Sternen verschwistert, Gedichte, 1966; Hochzeit des Staufers, Roman, 1977.
Originalbeiträge:

Als der Schweifstern verblich
nickten die Hirten ein.
Sie dachten,
als sie erwachten,
das kann nicht sein.

Auch Maria schlief tief;
schreckt auf, wie das Kind rief,
entsann sich nicht wieder
dreier Fremder, und Engelslieder.

Nichts will der Zimmrer wissen
von der unheiligen Geschicht',
weil um den winz'gen Wicht
Abermillionen sterben müssen.


 

Unterwegs ist Deine Seele


Dein letzter Herzschlag, lieber Freund,
hat meiner Brust arg weh getan,
so daß mein Auge eine Träne trübt.

Wegwischen aber kannst du nicht
den Weg, den deine Seele nimmt.
Ich folge ihm mein Freund

und spür ihn auf mit Sicherheit
am Schwung des Schmetterlings,
im Wabern überm Wüstensand.

Ihn weist mir das Gewölk,
das unversehens seitwärts rückt,
wenn du durch Nebel brichst.

Ich ahn' ihn an der Art wie Schnee fällt
am Ansturm des Gewitters,
am Schatten auf der Sonnenuhr.

Was lebte, meißelt sich in die Natur.
Unaustilgbar sind die Spuren,
wie dein Wort wegweisend, weiterwirkend.


 

Dr. Hermann Rusam


Geboren 1941 in Nürnberg. Seit 1969 Lehrer am städtischen Johannes-Scharrer-Gymnasium (Fächer u.a. Sozialkunde, Rechtslehre, Geographie und Geologie). Lehrauftrag an der Erziehungswiss. Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Veröffentlichungen zur Heimatkunde des Nürnberger Raumes. Buchtitel u.a.: Knoblauchsland, Romantik einer altfränkischen Gemüsebauernlandschaft inmitten des Städtedreiecks Nürnberg-Fürth-Erlangen, 1. Aufl. Nürnberg 1989.
Aus: Der Irrhain des Pegnesischen Blumenordens zu Nürnberg, Bd. XXXIII der Schriftenreihe der Altnürnberger Landschaft e.V., Nürnberg 1983, S. 34 ff.:

Das Irrhainfest in alter und neuer Zeit


In den über dreihundert Jahren seines Bestehens hat der Irrhain recht wechselvolle Zeiten durchlebt. Zu den Höhepunkten seiner Geschichte gehörten die alljährlichen Irrhainfeste, ferner prunkvolle Jubiläumsfeiern und gelegentliche Besuche hoher Persönlichkeiten.

Spielte der Irrhain auch wegen der zu großen Entfernung von der Stadt als Versammlungsort des Pegnesischen Blumenordens kaum je eine bedeutsame Rolle, so war er doch als Ort des jährlich hier stattfindenden Irrhainfestes allgemein beliebt. Alte Presseberichte aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg geben uns ein recht anschauliches Bild des Festverlaufes: Schon Stunden vor Festbeginn sah man von Nürnberg her über Buch und Lohe eine kleine Völkerwanderung zu Wagen und zu Fuß, einzeln und in Familiengruppen, dem lrrhain zustreben und jenseits eine staubaufwirbelnde Reihe voll fröhlicher Musensöhne von Erlangen, die dem Aufgebot, das an die gern gesehenen Stammgaste des Ordens rechtzeitig ergangen war, folgten.

Die eigentliche Feier begann meist mit dem frohen Rundgang durch den Hain, dem das Festspiel folgte oder auch eine musikalische Darbietung. Anschließend versammelten sich die Gäste im Kirchhof, wo das Irrhainlied gesungen wurde und man Ansprachen hielt. Dann folgte der Tanz. Der Tanzplatz, ein hübscher runder Rasenplatz, lag außerhalb des Irrhains, nahe dem hinteren Tor. Zu dem fröhlichen Treiben waren die Nürnberger Damen in ausgesucht duftigen Toiletten erschienen, und die bunten Mützen und Bänder der Studenten aus der benachbarten Musenstadt Erlangen brachten Farbe in das Bild des Irrhainfestes. Ja selbst die ländliche Bevölkerung war unter den Zuschauern zahlreich vertreten. Erst nach dem Einbruch der Nacht sah man die Festteilnehmer, von Leuchtkäfern umgaukelt, kolonnenweise über die Felder gen Kraftshof wallen, woselbst, wie gewöhnlich, ein ganzer Park vielgestaltiger Fuhrwerke zur weiteren Heimbeförderung bereit stand.

1911 verlegte man das Irrhainfest, das vorher traditionsgemäß mittwochs abgehalten wurde, zum ersten Mal auf den Sonntag. Zwischen den beiden Weltkriegen fand -- sieht man von den Fällen ab, in denen das Fest wegen schlechten Wetters ausfallen mußte -- das Irrhainfest stets im Irrgarten statt.

In den 20er und auch noch Anfang der 30er Jahre pflegte man das Irrhainfest im großen Rahmen zu feiern. Für die zahlreichen Teilnehmer am Irrhainfest stellte die Nürnberg-Fürther Straßenbahn eigene Sonderbusse nach Kraftshof zur Verfügung. Außer den Ordensmitgliedern kamen Scharen von Gästen, darunter stets Abordnungen der Erlanger Studentenschaft. Die Bewirtung der Teilnehmer am Irrhainfest übernahm die Gaststätte Hofpeter in Kraftshof. Es gab Kaffee und Kuchen, zu späterer Stunde auch Bratwürste. Die Zubereitung erfolgte in der sogenannten Küche im Irrhain. Rings um den Friedhof waren Tische und Bänke aufgeschlagen. Zu Beginn des Festes hielt der Präses des Ordens, Prof. Dr. Eberhard von Scheurl, eine Ansprache. Es schloß sich eine Totengedenkfeier an, bei der der Pokal unter der Vorstandschaft kreiste. Das eine oder andere Mal wurden anläßlich des Irrhainfestes auch neue Gedenkschilde für verstorbene Ordensmitglieder enthüllt. Nach der offiziellen Feier formierte sich ein Festzug durch den Irrhain. An der Spitze des Zuges schritt der Irrhainpfleger, Kunstmaler Friedrich Trost d. J., mit einem Stab mit Blumenbuschen. Der Umzug endete bei der Freilichtbühne, wo das traditionelle Irrhainspiel aufgeführt wurde. Häufig stammten die Texte für das Festspiel von Mitgliedern des Ordens. Zur Einstudierung der Stücke konnte man mehrmals den Schauspieler Dr. Hermann Hohm vom Schauspielhaus Nürnberg gewinnen.

Nach dem Festspiel saß man wieder in gemütlicher Runde zusammen. Eine Musikkapelle spielte zum Tanz auf. Erst wenn die Dunkelheit hereinbrach, wanderten die Teilnehmer mit Lampions in der Hand über die Felder nach Kraftshof, wo für die Ausdauernden sich der Tanz im Saal des Gasthauses Hofpeter bis spät in die Nacht fortsetzte.

Während des Zweiten Weltkrieges mußte das Irrhainfest ausfallen. Erst 1950 griff man die alte Tradition erneut auf. Seither konnte das Irrhainfest wieder regelmäßig am ersten Sonntag im Juli im Irrhain abgehalten werden.

 

Dr. Eberhard Frhr. von Scheurl


Verwaltungsjurist, Professor (1928-1939) für Staats- und Rechtslehre der Universität Erlangen. Präses des Pegnesischen Blumenordens. Geboren 1873 in Ludwigsburg, gestorben 1952 in Fischbach/Nürnberg. Schriften aus dem Fachbereich, u.a.:'Staatsverwaltungslehre', in 'Die Beamtenhochschule', 1930; 'Bayerisches Verwaltungsrecht', ein Kollegheft, 1945/46.
Lied zum Irrhainfest 1936 und zur Grübel-Feier:

Weise: "Am Brunnen vor dem Tore"

An Konrad Grübel.


Heut' steigt vom Dichterhimmel
Herab ein hehrer Geist,
Der fröhlichem Gewimmel
Den Weg zum Frohsinn weist:
Kein Goethe und kein Schiller,
Kein Pindar und Homer --
Ein gar bescheidner Stiller
Schritt einst vor uns einher.

Der Werker in dem Stübel
Am trauten Pegnitzstrand:
Johannes Konrad Grübel,
Ein Sohn vom Frankenland,
Im Geist verwandt Hans Sachsen,
Gleich ihm ein Handwerksmann,
Fühlt seine Kräfte wachsen,
Viel Lieb' ihm dies gewann.

Wem drückt die arme Seele
Ein Kummer, eine Last,
Les', was aus froher Kehle
Du einst gesungen hast,
Du Dichter heit'rer Lieder
Voll Ernst und voll Humor!
Trag' uns wie einst so bieder
Ob Erdenleid empor!

Steig heut' zu uns hernieder
Von dem Olymp'schen Thron,
Zeig' heute dich uns wieder
Im Schmuck der Ehrenkron,
Die dir dereinst vom Orden
Der Osterblum' aufs Haupt
Voll Lieb' gesetzt ist worden,
Weil du gleich ihm geglaubt --

An Schönheit, Freud' und Treue
Im deutschen Heimatland!
Drum knüpf' mit uns aufs Neue
Der Freundschaft heiliges Band!
Dann woll'n wir nicht erschlaffen
In wirren Alltags Last --
Wir woll'n an deinem Schaffen
Heut' halten frohe Rast!

Du deutscher Mann voll Güte,
Von lautrem Herz und Sinn --
Lenk' heut uns das Gemüte
Zu deiner Heimat hin,
Zu Nürnbergs Tor und Türmen
Im waldumsäumten Land:
Uns eint in Not und Stürmen
Ein ewig deutsches Band!



Betty Volleth


Geboren 1899 in Nürnberg, verstorben dort 1979. Mundartdichterin. Gedichte aus 's Gocklreiterla (Gesammeltes aus meinem Leben). Reihe 'Nürnberger Mundartdichtung in der Gegenwart', Nürnberg o. J.

Wanderung durchs Leben


Am Morng dou leicht die Welt am schöinst'n,
und frouh und heiter göiht der Mensch durchs Land.
Ihn gfällt der Toag. Er is ohn Sorg und Ängst'n,
er sicht ner Licht, kennt Kummer net und Ploag.

Am Mittoag scheint der helle Toag oft grau,
und nebern goldna Licht liegt ah a dunkler Schatt'n.
Schwer werd scho wegzuschitt'ln alli Angst
und willi dann hienehma, woas der Toag
an Schöina oder Schlimma bringt.
Das Zingla an der Woag, es is oft gleich.
Ma kann ner immer af den Morgn hoff'n.

Am Oabend fällt a kihler Wind ins Land.
Das Leb'n werd zum Traam.
Ma schaut zurick in die vergangna Zeit.
Wo Sunna war, dou is öitz milder Schatt'n.
Und wöi a Wuhltoat nimmt ma hie
am Oabend dann a jeds gouts Stindla.


(S. 42)


Korz is es Dosei


Wöi korz is es Dosei! --
Wöi schnell verflöigt,
wos su schöi war im Lebn.
Dohie wehts die Zeit.

Wöi lang is die Stilln,
dös ewige Fortbleibn,
dös leere Lebn,
dös grouße Leid.

Su schwer zu begreifn
dös leise Auslöschn,
döi grouße Stilln,
döi fremde Rouh.



(S. 76)