Gerhard Hirschmann

Ein fürstlicher Besuch im Irrhain vor 280 Jahren


Bericht eines ungenannten Blumengenossen



Im Sommer des Jahres 1710 veranstaltete Markgraf Wilhelm Friedrich von Ansbach ein wochenlanges Truppenlager, oder wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß, ein Campement" zwischen Schniegling und Doos. (Staatsarchiv Nürnberg, Differential-Akt Nr. 335: Das Campement bei der Dooser Brücke.) Die Stadt Nürnberg empfand dies als eine empfindliche Bedrohung und befürchtete schlimme Übergriffe der Soldaten. Zwar urteilte der Artillerie-Obrist-Lieutenant Gottlieb Trost, der Erbauer der Nürnberger Egidienkirche, der Mitte August im Auftrage des Rates das Lager vom Neutorturm aus in Augenschein nahm und eine Bleistiftskizze davon entwarf, daß die "Schantzung nichts anders als auß Lust und Zeitvertreibung geschiehet" (ebenda, Produkt 78) und für die Stadt keine ernste Gefahr darstelle. Trotzdem verfolgte der Nürnberger Rat während dieser Zeit alle Vorgänge im Umkreis um die Stadt mit ganz besonderer Aufmerksamkeit. Dieser Sorgfalt verdanken wir es, daß in dem Akt über dieses Campement auch ein Bericht Aufnahme gefunden hat, den der Rat über den Besuch der Markgräfin Elisabeth Sophie im Irrhain bei Kraftshof eingefordert hat.

Die 1676 geborene Markgräfin, eine Tochter des Großen Kurfürsten von Preußen, war in erster Ehe mit dem Herzog von Kurland verheiratet. Nach dessen Tode schloß sie 1703 eine zweite Ehe mit Markgraf Christian Ernst von Bayreuth, der seinerseits in dritter Ehe mit ihr lebte. Er war geboren 1644, regierte seit 1655 unter Vormundschaft, seit 1662 selbständig, und starb 1712.

Elisabeth Sophie bezeigte eine besondere Vorliebe für Erlangen, wo ihr Mann in diesen Jahren eine völlig neue Stadt, das sogenannte Christian-Erlang, erbauen ließ. Von der Markgräfin gingen die Anregungen für die Errichtung der dortigen barocken Schloßbauten aus. Erlangen wurde damit geradezu zur zeitweiligen Residenzstadt. (Vgl. dazu: Friedrich Schmidt und Ernst Deuerlein, Die höfischen Barockbauten zu Christian-Erlang, in: Beiträge zur fränkischen Kunstgeschichte NF 7, Erlangen 1936).

Von Erlangen aus besuchte das markgräfliche Paar damals anscheinend das Truppenlager des Ansbacher Vetters. Bei der Rückfahrt von dort wurde dann -- offensichtlich auf Betreiben der daran interessierten Markgräfin -- der Weg über den Irrhain bei Kraftshof genommen. Dieser war erst wenige Jahre vorher (1676) vom Nürnberger Pegnesischen Blumenorden angelegt worden. Die Initiative dazu war von dem Kraftshofer Pfarrer Martin Limburger ausgegangen. Unter dem Namen Myrtillus war dieser selbst Mitglied und der dritte Präses des Ordens.
Der im folgenden abgedruckte Bericht über den Besuch der Bayreuther Markgräfin ist so anschaulich und ausführlich geschrieben, daß weitere Vorbemerkungen dazu nicht notwendig erscheinen. Leider nennt der Verfasser des Berichtes seinen Namen nicht, doch läßt ihn die Schilderung als einen gebildeten Mann von Welt erkennen, der selbst Mitglied des Blumenordens war. Der Akt über das Campement enthält leider auch keine weiteren Schriftstücke, die mit dem Bericht zusammenhängen und die einen Hinweis zur Aufklärung der Verfasserschaft geben könnten. Der Bericht im Staatsarchiv Nürnberg (Differentialakt 335, Produkt 141) lautet:

Auf oberherrlichen Befehl wird hiemit gehorsamlich Relation erstattet von dem, was am Donnerstag, den 4. September 1710, bey Kraftshof und in dem Irr-Garten sich begeben. Ein gewieser Gesellschafter von der Blumen-Genoßenschaft war im Begriff etliche von seinen nächsten Zugehörigen auf ihr Bitten in den Irr-Garten zu führen. Da hat er zu Almoshof im Durchpassiren gefunden, daß die hochfürstliche Herrschaft von Bareuth daselbst seye und schon in procinctu [im Begriffe, in Bereitschaft] stehe, wieder von dar aufzubrechen. Alldieweilen nun die Deichseln der Carossen und die Pferde in eine ganz andere Plagam [Himmelsrichtung] gekehret waren, als er zu gehen hatte, lies er sich nicht irren, sondern ging mit den Seinigen fort den gewohnlichen Weg auf den Irr-Garten zu. Fast am Ende des Walds, und ehe man gar auf die Kraftshöfer Blöse kommt, kamen zween in völligem Courrier hinter ihnen hergesprenget und diesen folgete im starken Galopp nach ein großer Zug Berittener, welche theils Cavaliers, theils andere fürstliche Bediente, auch einige von der Jägerey werden gewesen seyn. Darauf fuhren zwo Chaisen, jede mit sechs Pferden bespannet, in der ersten saß Ihre Durchlaucht, der Herr Marggraf von Bareuth, nebst seiner Frau Gemahlin Hoheit und derselben Oberhofmeisterin, auch einem Zwerg türkisch gekleidet, in der andern die Prinzeßin von Curland [die Tochter der Markgräfin aus 1. Ehe], nebst drei adeligen Dames. Den ganzen Zug beschloß eine Chaise roulante [Kalesche mit zwei Rädern], worin der Oberhofmarchall soll geseßen seyn. Dieser völlige Zug ging erstlich vorbey, wendete sich aber gleich zur Rechten in den Wald hinein und, wie sichs bald geäusert, gings insgesamt auf den Irr-Garten zu. Der Gesellschafter, sobald er außer dem Wald sich befindend, diese hohe Personen und ihre zahlreiche Suite vor den Irrgarten halten und auf die Eröffnung deßelben warten sahe, entschloß sich hinzueilen und nach der Sachen Befinden das Beste zu reden, auch vernünftige Nachricht zu ertheilen von des Gartens und der Gesellschaft Beschaffenheit. Doch ehe er gar hinkam, war schon vom IrrGärtner jemand da, der aufgesperret hatte, und Ihre Hoheit die Frau Marggräfin mit Ihrer Prinzeßin Tochter, Dames und Cavalieren, auch übrigen Bedienten waren bereits hineingegangen und befanden sich in denjenigen Irr-Gängen, so gleich zur linken Seite des Gartens sind. Er eilte derhalben zur rechten durch die Hütten, um noch ehender hinab in den sogenannten Kirchhof des Gartens zu kommen und daselbst aufzuwarten.

Er traf auch da schon den Cavalier von Berkhorn an und gleich darauf kamen hochgedacht Ihre Hoheit selbs im männlichen Jägerhabit über den Unter-Frauens-Rock, und eine Peruque auf dem Kopf samt einem Hut mit bunten Federn, hiernächst obgemeldte dero völlige Suite. Wie nun dieselbe hörte und sahe, daß ein Gesellschafter da wäre, fragte sie ihn, was es mit dem Garten und der Gesellschaft vor Bewandtnus und Absicht habe, welche Personen sich darinnen befänden etc.

Hierauf gab er kurz den nöthigen Bericht und meldete unter andern, daß von allerley Nationen und aus verschiedenen Landen Personen, so der teutschen Poesie ergeben sind, in solche Gesellschaft nun von etlichen 30 Jahren her genommen werden und noch sich darinnen befänden, in specie auch aus beeden Marggrafthümern, item aus den königlich preußischen Landen etc. Worauf sie denn ganz begierig die Namen wißen wollen, welche er ihr auch zum Theil genennet hat. Hierüber bezeugte sie mit Minen und Reden zimliche Verwunderung, insbesonder gegen den obgedachten Cavalier und sagte unter andern: Ey, sollte ich denn nicht auch in meinem Erlang dergleichen Anmuthigkeit haben können?" Welches der Oberhofmarchall beantwortete: Ihre Hoheit, was unmöglich ist, kan man nicht möglich machen." Sie that auch diese Frage: Von wem die Gesellschafter diesen Irr-Garten zu Lehen hätten." Allein wegen dazwischengefallener Reden der Dames etc. ist sie nicht beantwortet worden.

Inmittelst zeigte mehrgemelter gegenwärtiger Gesellschafter ihr an, wie sie durch einen andern Gang oder auch zwischen den Poeten-Hütten hinauf zu dem Eingang wieder gehen und zugleich etlicher Blum-Genoßen inventirte und daselbs aufgehangene Emblemata etc. sehen könnte, wo sie ein gnädiges Belieben dazu hätte. Welches sie auch gethan und im Durchhingehen eine zimliche Verwunderung spüren laßen, doch auch dabey gemeldet, es wäre schade, daß dieses Irr-Gartens nicht beßer gewartet und die bedeckten Laubgänge nicht höher gezogen wären etc. Unter solchem Fortgehen sprach sie auch, wie sie wohl einmal darin speißen möchte.

Von den nachfolgenden Dienern und Jäger-Purschen wurde zuweilen der Hasen gedacht, die sich in den Irr-Garten verschliefen könnten und würklich die Nacht vorher hätten von ihnen ausgestöbert werden müßen. Inzwischen ging die Besichtigung des Irr-Gartens also glücklich ab, daß Ihre Hoheit beym Herausgehen befahl, dem IrrGärtner 2 fl. Trank-Geld zu geben, die er auch bekommen und sich dafür bedanket hat. Der Gesellschafter machte beym Aufsitzen sein unterthäniges Abschied-Compliment und weil Ihre Hoheit vorhero schon vernommen hatte, daß seine mitanwesenden Freunde Kinder eines namhaften und ihr wohlbekannten Theologi aus dem Marggrafthum wären, deme sie gar gnädig zu seyn pfleget, redete sie verschiedenes deßelben halben mit ihme, fragte auch nach, ob er, der Gesellschafter, nicht in N[eu]Erlang gewesen seye und ihre angelegten Gebäude daselbst gesehen habe. Und da sie hörte, daß er zwar das Schloß und Cabinet, den Garten aber nebst einigen andern Raritäten noch nicht beschauet, sprach sie, er sollte wieder einmal hinabkommen, so wollte sie ihm dasselbe alles zeigen laßen. [Das Schloß wurde 1701--1704 erbaut. Mit dem Cabinet ist ein besonders für die Markgräfin bestimmter Raum der bald nach 1705 bezogenen Orangerie gemeint. Vgl. Schmidt-Deuerlein a. a. O. S. 9.] Und so fuhr sie mit gutem Contento [Zufriedenheit] fort in Begleitung der ganzen obgedachten Suite.

Bey allem diesem Vorgang ist Ihre Durchlaucht der Herr Marggraf beständig in seiner Chaise sitzen geblieben und also nicht in den Irr-Garten hineingekommen. Doch war aus einigen sonst gefallenen Discursen und verschiedenen Minen abzunehmen, daß Ihrer Hoheit ungleiche Meinungen von dem Irr-Garten müßen beygebracht worden und dahero vielleicht etwas wiedriges obhanden gewesen seyn, welches aber durch den ertheilten umständlichen Bericht allem Ansehen nach noch unterbrochen worden ist.

Erstveröffentlichung in: Mitteilungen der Altnürnberger Landschaft, November 1960, S. 53 - 57. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.